Übersicht
- Die Haut
- Verstand - Vernunft
- Alter -Ego
- Die Steiner'schen Leiber
- Jupiters Karriereende
- Der Barnum-Effekt
- Münchner Rhythmenlehre
- Die "Macht" des Mondes
- Alles oder Nichts
- Wie kann diese Theorie bewiesen werden?
- Break even
- Das Pendel
- Dornröschen
- Welche Einflüsse haben Sonne und Mond?
- Die Geschichte der Formel
- Der Kalender der Baha‘i
- Die Kulturevolution ging weiter
- Kondensstreifen
- Alter -Ego
- Die Steiner'schen Leiber
- Jupiters Karriereende
- Der Barnum-Effekt
- Münchner Rhythmenlehre
- Die "Macht" des Mondes
- Alles oder Nichts
- Wie kann diese Theorie bewiesen werden?
- Break even
- Das Pendel
- Dornröschen
- Welche Einflüsse haben Sonne und Mond?
- Die Geschichte der Formel
- Der Kalender der Baha‘i
- Die Kulturevolution ging weiter
- Kondensstreifen
Wie sind wir geworden, wie wir heute sind?
Diese Frage stellte Christa Wolf in ihrem Roman „Kindheitsmuster“ und meinte das ganz persönlich. Ich will dieselbe Frage allgemeiner stellen und sowohl danach fragen, wie wir individuell so werden, wie wir sind, als auch danach fragen, wie die Menschen überhaupt so wurden, wie sie heute sind. Es ist die Frage nach dem Zusammenhang von Phylogenese und Ontogenese, es ist die Frage nach der Entwicklung der menschlichen Art im Wechselspiel mit der Individualentwicklung.
Christa Wolf beantwortet ihre Frage mit der Feststellung: „Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln“.
Welche Bücher habe ich selbst gelesen, bevor ich mich ans Schreiben setzte? Welche Bücher und Themenschwerpunkte kann ich als Grundlage empfehlen?
Da wäre Darwins Evolutionstheorie zu nennen und die Lektüre der Bücher von Ernst Mayr über die Evolution im Zusammenhang mit der Genetik. Zur vergleichenden Verhaltensforschung – der Ethologie – sind Konrad Lorenz‘ Bücher nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam. Es ist zwar gewiss nicht nötig, Kopernikus‘ und Kepplers Schriften im Original zu studieren, um unser Sonnensystem und die uns umgebenden Bewegungen der Gestirne zu verstehen, aber man sollte schon wissen, warum es Tag und Nacht und Sommer und Winter gibt und warum der Mond den Ozeanstränden zweimal am Tag Ebbe und Flut beschert, obwohl er nur einmal täglich am Himmel vorüberzieht. Um sein Wissen über den Mond aufzufrischen, sei ein Blick in Brigitte Röthleins Buch „Der Mond“ zu empfehlen. Wie Pflanzen und Tiere ihr Verhalten an die von den Mondzyklen verursachten Umweltgegebenheiten anpassten, kann man ausführlich in „Biologie des Mondes“ von Endres und Schad nachlesen.
Auf den Pionier der chronobiologischen Forschung, Jürgen Aschoff, sei verwiesen, der übrigens ein Schüler des geschätzten Konrad Lorenz war. Wiederum ein Schüler Aschoffs ist der an der Münchner Universität wirkende Chronobiologe Till Roenneberg, auf dessen Schriften zur „inneren Uhr“ hingewiesen sei, wenngleich sich diesem Thema auch noch viele andere lesenswerte Autoren gewidmet haben.
In Fragen der Psychologie müsste man etwas über Sigmund Freud und die Psychoanalyse Bescheid wissen, aber auch die klassische Charakterkunde mit ihren vier Grundtemperamenten kennen, wobei eine moderne Beschäftigung mit dieser Frage bei Gerda Jun in „Unsere inneren Potentiale“ nachzulesen sich empfiehlt.
Um letztere dialektische Betrachtungsweise in ihren Ursprüngen zu verstehen, sollte man sich bei den griechischen Sagen des klassischen Altertums ein wenig auskennen. Ebenso versteht man Betrachtungen zur abendländischen Astrologie nur, wenn man die griechische Klassik kennt, um deren Überlieferung sich besonders Gustav Schwab verdient gemacht hat. Wer sich intensiver in die Sagengeschichten und besonders deren kosmische Parallelen vertiefen möchte, dem sei das Buch von Werner Papke „Die geheime Botschaft des Gilgamesch“ empfohlen.
Schließlich habe ich Denkanstöße der chinesischen Astrologie entnommen und es kann nicht schaden, einmal ein Buch darüber zwischen den Fingern gehabt zu haben, um das Zyklusdenken der östlichen Kulturen nachzuempfinden. Zur astrologischen Literatur will ich hier nur eine Empfehlung nennen - weil ich Astrologie an sich als nachgewiesenen Irrglauben ansehe - und das ist die 144-teilige Charaktersammlung von Walter A. Appel „Im Zeichen des Mondes“.
Völlig frei von derartigen Einflussvermutungen nähert sich Judith Rich Harris in ihrem lesenswerten Buch „Jeder ist anders“ der Frage nach der persönlichen Entstehungsgeschichte des individuellen Charakters.
Um zu verstehen, was sich neuronal in unserem Gehirn abspielt, während wir uns für das eine oder das andere entscheiden und warum wir das tun, sollte man beispielsweise Wolf Singers Buch „Der Beobachter im Gehirn“ oder Thomas Fuchs‘ „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ gelesen haben. Auch Eric R. Kandels Bücher zur Synaptogenese können weiterhelfen, führen aber tiefer, als es hier zum Verständnis notwendig ist.
Eine relativ junge Entdeckung der Hirnforschung ist das Spiegelneuronensystem, das Giacomo Rizzolatti nachgewiesen hat und die neurobiologische Grundlage unserer Fähigkeit des Mitfühlens – der Empathie – erklärt. Ein allgemein verständliches Buch hierüber ist Joachim Bauers „Warum ich fühle, wie du fühlst“, was auch für Laien verständlich ist.
Welche wichtige kulturelle Rolle der 19-jährige Lunisolarzyklus, der auch unter dem Namen Metonischer Zyklus bekannt ist, für das Zeitverständnis der Menschheit einst gespielt hat, lässt sich in Hans Lenz‘ „Universalgeschichte der Zeit“ nachlesen. Ohne diesen zeitlichen Zusammenhang zwischen Sonnenjahr und Mondjahr begriffen zu haben, sind meine Gedanken nicht verstehbar.
Ich sprach bereits das traditionelle Zyklusdenken der östlichen Kulturen an und muss den geschätzten Leser auch auf neuzeitliche Wissensgebiete hinweisen, die sich mit Wirkungszyklen beschäftigen. Da wäre zunächst Manfred Eigens Buch „Das Spiel – Naturgesetze steuern den Zufall“ über katalytische Zyklen und Hyperzyklen zu nennen, welche die chemischen Grundlagen des Lebens aufzeigen und gewissermaßen den Anfang der biotischen Evolution beschreiben. Etwas schwerere Lektüre beschäftigt sich gewissermaßen mit dem (vorläufigen) „Ende“ der Evolution, den Gesellschaftssystemen der Menschen in Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, wo der Begriff „Autopoiesis“ auftaucht und die Entstehung von Informationssystemen aus sich selbst heraus begründet.
Selbstverständlich spielen nicht nur theoretische Modelle und Überlegungen für unser Wissen eine Rolle, warum der Mensch zum Menschen wurde, sondern auch die fleißige und aufopferungsvolle Arbeit der Archäologen und der Primatenforscher mit ihren praktischen Ergebnissen. Namen wie Louis und Richard Leakey, die Schimpansen- und Gorillaforscherinnen Jane Goodall und Dian Fossey, der deutsche Paläoanthropologe Friedemann Schrenk oder in jüngster Zeit der Genetiker und Anthropologe Svante Pääbo oder Michael Tomasello und die vielen anderen erinnern uns daran, dass uns nur die konkreten praktischen Befunde Aufklärung bringen können. Sie alle veröffentlichten ihre Erfahrungen in Büchern, deren Lektüre zu empfehlen ist.
Praktische Befunde müssen aber stets mit theoretischen Modellen im Einklang stehen und werden oft überhaupt erst durch die theoretischen Betrachtungen gefunden. Albert Einstein sagte in diesem Zusammenhang: „Erst die vollständig entwickelte Theorie lässt die Erscheinungen beobachten, die die Theorie erklären soll.“ Deshalb ist das Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis so wichtig.
Soziale Kognition und die Zeit
Wenn jemand ein (infantiles) Verhalten an den Tag legt, das seinem Alter nicht entspricht, dann nennt man das „kindisch“. Ein Erwachsener hat sich nicht wie ein Kind zu benehmen – das ist albern und lächerlich. Umgekehrt äußern sich Kinder manchmal wie Erwachsene. Das nennen wir dann „altklug“. Oder jemand erklärt Dinge, die nie und nimmer seiner eigenen Erfahrung entsprungen sein können. Solche Leute nennen wir „Klugscheißer“.Summa summarum: Wir beurteilen die Menschen, indem wir ihr Verhalten mit ihrem geschätzten Alter und ihrer sozialen Stellung in Beziehung setzen. Dieser Beurteilungsprozess verläuft völlig automatisiert und oft unbewusst. Er zählt zur sozialen Kognition.
Wie können wir diese Unterscheidungen treffen? Bei Kindern und Jugendlichen ist die Altersabschätzung einfach, weil man das an der Körpergröße und der Körperform ungefähr ablesen kann. Bei Erwachsenen verschätzt man sich gelegentlich ein wenig. Aber einen 80-Jährigen wird man wohl kaum mit einem 50-Jährigen oder eine 20-Jährige mit einer 40-Jährigen verwechseln, es sei denn, eine böse körperliche oder psychische Krankheit verzerrt das Bild. Wir haben einen Blick dafür, ob und wie das Verhalten mit dem äußeren Erscheinungsbild korrespondiert. Wir haben eine Vorstellung davon, wie alt ein Mensch ist.
Wenn wir das Alter eines Menschen taxieren, dann haben wir die Zeit ins Spiel gebracht, ohne uns dessen bewusst sein zu müssen. Wir haben die Zeit nicht in Stunden oder Tagen, sondern in Jahren und Jahrzehnten berücksichtigt. Die Jahrzehnte bilden sich in unserer sozialen Umgebung in Form der alterstypischen Verhaltensweisen der Menschen ab. Man kann auch anders formulieren, dass nämlich Verhalten für das jeweilige Alter charakteristisch ist. Damit hat man eine gedankliche Brücke zu den Charaktereigenschaften geschlagen. Diese Brücke ist eine wichtige Erkenntnis, denn die verschiedenen Charaktereigenschaften haben ihren Ursprung in den Verhaltensweisen, die uns eigentlich alterstypisch auszeichnen (jedenfalls ist das Inhalt meiner Theorie). Das zeigt sich in der Übereinstimmung des Generationenschemas mit den Tierkreiseigenschaften. Da der astronomische Tierkreis nichts anderes ist, als ein kosmisches Uhrenzifferblatt, ist daran überhaupt nichts Geheimnisvolles.
Diese soziale Kognition müssen wir nun noch aus neurobiologischer Perspektive betrachten. Wie entsteht Kognition? Unsere Hirninhalte bilden sich nach der Hebb’schen Lernregel (neurons wire together, if they fire together). Durch gleichzeitige Wahrnehmungen wachsen Synapsen zwischen den beteiligten Neuronen und bilden so neuronale Komplexe. Dieser Vorgang ist völlig unabhängig vom Bewusstsein. Wenn nun Beobachtungen im sozialen Umfeld, wie oben geschildert, neuronale Komplexe bilden, deren Hintergrund das Alter und damit die Zeit ist, dann verknüpfen sich diese neuronalen Komplexe ganz automatisch mit den Wahrnehmungen, die eigentlich die Zeit repräsentieren. Diese Wahrnehmungen sind die geordneten Wechsel von Helle und Dunkelheit im Verlauf der Drehungen von Erde, Sonne und Mond umeinander herum. Und da wir hier von Jahrzehnten sprechen, findet die Orientierung nicht an Tagen, Monaten oder Jahren statt, sondern der 19-jährige Lunisolarzyklus kommt ins Spiel.
Während Tage, Monate und Jahre – und dadurch auch der Lunisolarzyklus - sehr genaue Zeitgeber darstellen, kann im Gegensatz dazu das alterstypische Verhalten nur sehr unscharf abgebildet werden. Im Einzelfall ist die Variationsbreite sehr groß, wenngleich auch nicht völlig willkürlich. Deshalb können in die Betrachtung auch nur Mittelwerte der sozialen Beobachtungen einfließen.
Ein Mittelwert ist eine exakte statistische Größe, die umso genauer in Erscheinung tritt, je umfangreicher die Zahl der einzelnen Beobachtungen ist. In Bezug auf die soziale Kognition heißt das, je mehr unterschiedliche Menschen man zu Gesicht bekommt, umso genauer wird die Menschenkenntnis.
Nach der Hebb’schen Lernregel können Kognitionen nur bei wiederholten, gleichartigen Wahrnehmungen dauerhaft erhalten bleiben. Die Hell-Dunkel-Wechsel unserer natürlichen Umwelt sind solche wiederholten, gleichartigen Wahrnehmungen. Unsere Sozialkontakte sind es aber nicht. Trotzdem können wir anhand der Mittelwerte, die unsere Menschenkenntnis über altersgerechtes Verhalten widerspiegelt, eine Resonanz zum Lunisolarzyklus feststellen. Diese Resonanz konnte irgendwann in grauer Vorzeit zustande kommen, als die typischen Entwicklungsschritte in den menschlichen Biografien im Mittel sieben Jahre lang dauerten. Nur mit diesem konkreten Mittelwert von sieben Jahren war das ganzzahlige Resonanzsystem möglich geworden, das aus dem 19-jährigen Lunisolarzyklus, einem 12-jährigen Sozialzyklus und dem eben beschriebenen 7-jährigen Mittelwert der individuellen Entwicklungsschritte zustande kam.
Perspektiven
In der Psychologie ist es üblich, von der Ersten-Person-Perspektive und der Dritten-Person-Perspektive zu sprechen. Die Erste ist die Sicht von innen – Ich sehe mich. Die andere ist die Sicht von außen. Jemand sieht mich oder ich sehe jemanden. Diese zweidimensionale Sichtweise führte letztlich zum Konstruktivismus. Alles, was ich scheinbar wahrnehme, ist nur ein Modell der Umwelt, das mein Gehirn konstruiert. An dieser Vorstellung übt Thomas Fuchs in seinem Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ Kritik. Er stellt den beiden genannten Perspektiven die dritte noch mögliche Perspektive, nämlich die Zweite-Person-Perspektive, gegenüber. Wir interagieren stets mit einem Du. Wir erleben uns in dieser Gemeinschaft. Aktionen und Reaktionen wechseln einander ab und beziehen sich aufeinander.Die Zweite-Person-Perspektive ist unsere eigentliche Erlebnisperspektive, denn wir sind von Natur aus soziale Wesen. Aber auch solitär lebende Arten entwickeln sich zunächst in der Zweiten-Person-Perspektive. Denken wir an das von Konrad Lorenz beschrieben Kindchenschema und sein dazu korrespondierendes Gegenstück, die Prägung. Durch diese angeborenen Vorgänge entsteht die Mutter-Kind-Beziehung. Das ist bei uns Menschen nicht anders. Aber bei uns Menschen setzt sich die Zweite-Person-Perspektive lebenslang fort. Das habe ich mit dem Generationenschema gezeigt. Zu jeder Lebensphase gibt es typische (angeborene) Verhaltensweisen, die sowohl aus der Ersten-Person-Perspektive als auch aus der Dritten-Person-Perspektive beobachtbar sind - aber in der Zweiten-Person-Perspektive erlebt werden.
Affenliebe
Der niederländische Mediziner und Anatom Louis Bolk (1866-1930) begründete die Menschwerdung mit einer Retardierung – einer Verzögerung - der menschlichen Ontogenese. Für die Retardierung führte er endokrine Ursachen an, die zwar das physiologische WIE aber nicht das evolutionäre WARUM erklärten. Nun ist dieser Denkansatz der Retardierung zwar vermutlich richtig, begründet aber nicht, wieso der Mensch nicht nur ein etwas „zurückgebliebener“ Affe ist, sondern eben ein Mensch mit seinen offensichtlich vorteilhaften Eigenschaften - vorteilhaft im Sinne der Darwin‘schen „Fitness“. Warum kann eine verlangsamte Entwicklung, die vordergründig betrachtet ein Nachteil sein müsste, Vorteile haben?Viele kennen den Unterschied zwischen dem Äffchen- und dem Kätzchenprinzip. Wenn ein Katzenbaby sich allein gelassen fühlt, dann ruft es flehentlich nach seiner Mutter, die dann kommen und trösten muss. Im Gegensatz dazu hilft sich das Äffchen selbst, indem es sich am Fell der Mutter festklammert und sich von ihr herumtragen lässt. Vermutlich konnte dieses für die Mutter ökonomischere Äffchenprinzip zunächst dazu führen, dass Affenliebe so viel länger als andere Mutterliebe anhält.
Der Trend zur verzögerten Ontogenese ist also bereits bei nichtmenschlichen Primaten unübersehbar und nicht ausschließlich ein Attribut des Menschen. Diese lange Zeit des unmittelbaren Zusammenlebens begünstigt das Lernen vieler Verrichtungen der Mutter, die das Kind beobachten und dann nachahmen kann. Dass wir für Nachahmung auch synonym das Wort „Nachäffen“ verwenden, zeigt, dass Nachahmung als ein typisches Verhalten besonders bei Primaten beobachtet werden konnte. Der Nachahmungstrieb in Verbindung mit der langen Zeitspanne des Lernens hatte offensichtlich Vorteile im Überlebenskampf für die Primaten, denn sonst wäre diese für die Mütter an sich eher belastende Eigenschaft wieder ausgestorben. Aber wenn dieses Verhalten vorteilhaft für die Art war, dann setzte sich diese Entwicklung der verzögerten Ontogenese fort. Bei Nesthockern, wie es nicht nur die Kätzchen sind, hätte eine verzögerte Entwicklung keinen Nutzen, weil man im Nest sitzend von seinen Eltern nichts lernen kann. Es wäre lediglich eine unnütze Zeitverschwendung und Zusatzbelastung für die Eltern.
Das Äffchenprinzip hat einen weiteren Vorteil gegenüber dem Kätzchenprinzip. Während die Katzenmutter an den Standort des Nestes gebunden ist, solange die Jungen dort noch hilflos versorgt werden müssen, kann sich die Affenmutter weiter frei bewegen. Sie ist an keinen Standort gebunden. Die Katze ist in dieser Zeit sesshaft, während die Äffin nomadisiert.
Solange eine Tiermutter sich noch um ihr Kind zu kümmern hat, ist sie in der Regel nicht bereit, weiteren Nachwuchs in die Welt zu setzen. Wenn die Zeit gekommen ist, dass jüngere Geschwister alle Zuwendung der Mutter beanspruchen, werden die älteren Kinder in der Regel verjagt. Bei höheren Primaten ist das nicht so, aber die behutsame Zuwendung der Mutter wandelt sich in eine andere Einstellung zu dem größeren Kind. Wenn das Große immer noch weiter um die Mutter herumtollt, dann soll es nun auch ein paar Pflichten übernehmen. Vielleicht lässt die Mutter das größere Kind gelegentlich zu ihrer Entlastung auf das kleine aufpassen und achtet streng darauf, dass dabei dem kleinen nichts Schädliches passiert.
Aus unserer menschlichen Sicht ist das ein normaler Vorgang. Aber wie kommt ein Tier auf die Idee, von einem anderen etwas zu verlangen?
Die Mutter, die ständig beobachtet, wie ihre eigenen Handlungen von ihrem Kind „nachgeäfft“ werden, findet irgendwann einmal heraus, dass sich ihre eigenen und die „nachgeäfften“ Handlungen ihres Kindes gleichen. Es ist, als wäre das Kind ihr Spiegelbild. Dieses „Herausfinden“ ist eine Funktion ihres Gehirns, das immer nur nahezu gleichzeitige Wahrnehmungen in einen Zusammenhang bringt (das ist die Hebb’sche neuronale Lernregel). Tiere, die nicht so unmittelbar zusammenleben wie Primatenmütter mit ihren Kindern, haben diese Gelegenheit der gleichzeitigen Wahrnehmungen nicht.
Ein anderer Effekt tritt beim Erkenntnisprozess des Kindes auf, wenn es mehrere Jahre mit der Mutter zusammenlebt. Bestimmte Verrichtungen sind abhängig vom Zeitpunkt im Jahresverlauf – beispielsweise bestimmte Früchte zu ernten. Wenn die Mutter diese Verrichtungen nach einem Jahr wiederholt, kann das Kind das erkennen. Es ist keine neue Beobachtung, sondern es kennt diese Verrichtungen bereits aus dem vergangenen Jahr. Deshalb ist es ein Erkenntnisprozess, der ja nur möglich ist, wenn etwas bereits Bekanntes wiedererkannt wird. Kinder, die nach einem Jahr gar nicht mehr mit der Mutter zusammenleben, können nicht differenzieren, was einmalig war und was regelmäßig auftritt. Diese Differenzierung ist aber zur Beurteilung von Erfahrungen notwendig.
Wenn sowohl Mutter als auch Kind aus ihrem Zusammenleben Erkenntnisse ziehen können, so muss dieses Wissen auch praktischen Nutzen hervorbringen. Für das Kind ist der Nutzen sofort ersichtlich, den es aus den übernommenen Erfahrungen der Mutter ziehen kann. Aber wie kann eine Mutter von ihrem halbwüchsigen Kind etwas zu ihrem Nutzen verlangen, wenn sie es ihm nicht erklären kann? Zwar kann man jemandem begreiflich machen, dass man etwas nicht will. Da wird gebissen, geschlagen, gebrüllt – eben Ablehnung demonstriert. Aber wenn jemand etwas ganz bestimmtes tun soll, dann braucht man vielfältigere Gesten zur Erklärung. Sobald aber eine Motivation entstanden ist, finden sich auch Mittel, das Ziel zu erreichen. In diesem Fall scheint es die Sprache zu sein.
Für die Entstehung der menschlichen Sprache wurden bisher immer nur Erklärungen gesucht, welche Vorteile die Sprache für Erwachsene untereinander hat. Aber in der Evolution entsteht nichts, weil es voraussichtlich eines Tages von Vorteil sein wird, sondern etwas entsteht, weil zufällige Variationen sofort ein bisschen vorteilhaft sind und deshalb positiv selektiert werden. Auch Variationen des Verhaltens.
Der Ursprung der Sprache liegt deshalb meiner Ansicht nach in dem Bedürfnis der Mutter, von ihrem größeren Kind etwas zu verlangen. Der Begriff „Muttersprache“ zeigt uns dann nicht nur, auf welchem Weg man Sprache bis heute erlernt, sondern auch, aus welchen Gründen die Sprache ursprünglich überhaupt erst entstanden ist. Noch heute sind Frauen redseliger als Männer, was doch Gründe haben muss.
Während Abwehrgesten immer nur von den augenblicklichen eigenen Bedürfnissen ausgehen, stellen solche Gesten, die von einem anderen eine dienstbare Handlung verlangen, höhere Anforderungen an das gegenseitige Einfühlungsvermögen (Empathie). In unserem Primatenbeispiel muss sich die Mutter in ihr Kind hineinversetzen können, wenn sie auf die Idee kommt, etwas von ihm zu verlangen. Dass sich Primaten in andere hineinversetzen können, wurde erst kürzlich von dem Italiener Rizzolatti beobachtet, der dann im Weiteren die Spiegelneuronen entdeckte und so das Phänomen aufklärte. Die lange Erziehungsphase, die wir heute unseren aufwachsenden Kindern gewähren, stammt vermutlich aus dieser Primatenphase, in der die Aufwachsenden mit an den notwendigen Verrichtungen des Alltags beteiligt wurden. Wir verurteilen heute mit Recht Kinderarbeit, wenn sie der kapitalistischen Ausbeutung dient. Aber aufwachsenden Kindern die Erfüllung bestimmter Aufgaben im Familienalltag abzuverlangen, ist offenbar etwas ganz natürliches und nicht erst beim Menschen zu beobachten. Die Erfüllung von Dienstbarkeiten ist vor allem erzieherisch wertvoll für das spätere autonome Leben.
Die bisher beschriebenen Szenarien konnten erklären, warum eine verzögerte Entwicklung der Kinder nicht nur Nachteile, sondern Vorteile für die betreffende Art mit sich brachten. Sie konnten erste soziale Interaktionen aus dem Mutter-Kind-Verhältnis ableiten und führten schließlich zur Ausbildung von Empathie und erklärenden Gesten bis hin zur Sprache. Hier deutet sich bereits an, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns nun ins Zentrum des Interesses rückt und zum Gegenstand der evolutionären Entwicklung wurde.
Die verzögerte Entwicklung (Retardierung) setzt sich beim heutigen Menschen (und nur bei ihm) auch dann noch fort, wenn er bereits körperlich die Geschlechtsreife erreicht hat. Die Befehlsgewalt der Eltern lässt nun zwar nach, aber eigener Nachwuchs steht auch noch nicht auf dem Programm. Bei Tieren ist das anders. Diese Reifezeit der menschlichen Jugend ist noch nicht der Aufzucht eigener Kinder gewidmet, sondern einem Vorgang, der sich nur als Folge der vorhergehenden Erziehungsphase erklären lässt. Warum ist das so?
Im Gegensatz zur spielerischen Nachahmung des elterlichen Verhaltens in der frühen Kindheit, die aus eigenem inneren Antrieb heraus erfolgte, hat der Aufwachsende seine Erziehung mehr oder weniger gezwungenermaßen über sich ergehen lassen, weil die Eltern das so wollten. Heute übernehmen das zusätzlich zu den Eltern die Lehrer in der Schule und wir sprechen nicht umsonst von „Schulpflicht“. Wenn übernommener, aber nicht selbst geprüfter Lehrstoff eines Tages von Nutzen sein soll, wäre es von Vorteil, wenn irgendwann einmal getestet wird, ob das Gelernte richtig verstanden wurde und so von wirklichem Nutzen ist oder ob es andere, bessere Lösungen für bestimmte Probleme gibt. Genau das tun menschliche Jugendliche (oft zum Verdruss der Erwachsenen, manchmal aber auch zu deren Erstaunen). Das sind nicht nur Eskapaden aufsässiger Sprösslinge, sondern dieses Verhalten ist ganz offenbar von der Natur so „gewollt“. Es ist nämlich aus der neurologischen Forschung bekannt, dass in dieser Zeit die neuronale Vernetzung im Gehirn der Jugendlichen noch einmal radikal umgebaut wird. (Übrigens schlafen Jugendliche deshalb ihrem Gehirn zuliebe so erstaunlich lange.) Erst nachdem diese „Hirnsäuberung“ abgeschlossen ist, werden junge Erwachsene von ihrer eigenen Natur „auf die Menschheit losgelassen“ – sprich: Sie dürfen selbst Kinder in die Welt setzen. (Diese so wichtige Jugendphase durchlebten offenbar unsere einstigen nahen Verwandten - die Neandertaler - nicht, was man an deren Entwicklung des Zahnstatus feststellen konnte. Möglicherweise ist das (mit) ein Grund für deren Aussterben.)
Diese nur beim modernen Menschen zu beobachtende verzögernde Jugendphase steht also in unmittelbarem Zusammenhang mit der individuellen Gehirnentwicklung. Das Gehirn ist zwar physisch von seiner Masse her ausgewachsen, aber der geistige Inhalt (seine Vernetzung) wird auf dessen praktischen Nutzen hin getestet. Hier zeigt sich, dass Geistiges eine Rolle zu spielen beginnt, was letztlich in eine Kulturevolution mündet. (Interessante Gedanken zur Frage des Geistes für die Entwicklung des Menschen hat Max Scheler, einer der Begründer der philosophischen Anthropologie, hervorgebracht.)
Bereits 1983 stellt Jean-Pierre Changeux in seinem Buch „L’homme neuronal“ (Der neuronale Mensch) fest: „…Der Darwinismus der Synapsen löst den Darwinismus der Gene ab.“ Dann fragt er: „Handelt es sich bei den Übergängen vom Prä-Australopithecus zum Australopithecus und von diesem zum Homo habilis um plötzliche ‚punktuelle‘ Ereignisse?“
Vermutlich muss die Antwort zunächst Nein und dann Ja sein. Mit zunehmender Entwicklungsverzögerung gewann der „Darwinismus der Synapsen“ immer breiteren Spielraum. Dann aber trat tatsächlich das gefragte „punktuelle Ereignis“ ein, nämlich, als die individuellen Entwicklungsstufen die durchschnittlichen Zeitspannen von sieben Jahren erreichten. Dieses „punktuelle Ereignis“ löste plötzlich eine Revolution der Synapsen aus – und führte von da an zum modernen Menschen. Außerdem wanderten die Menschen aus der äquatorialen Zone in Gebiete mit Jahreszeiten. Beides waren die Bedingungen dafür, dass sich der Mensch nun (plötzlich) seiner Biografie bewusst werden konnte und ihm (plötzlich) ein Antrieb für seine Kulturevolution geliefert wurde. Dem Lunisolarzyklus in Verbindung mit der Hebb’schen neuronalen Lernregel sei Dank!
Der Weg des Menschen
Die Affenliebe – das ständige Zusammensein von Mutter und Kind - stellte sich nach den bisherigen Überlegungen als Voraussetzung dafür heraus, dass eine vermutlich zufällige (wie sonst?) endokrin verursachte Verzögerung (Retardierung) der Kindheitsentwicklung nicht der sofortigen evolutiven Auslese zum Opfer fiel, sondern Empathie, Geist und schließlich Kulturevolution hervorbrachte. Wenn man das alles aber bereits in Ansätzen bei nichtmenschlichen Primaten beobachten kann, was war dann das Entscheidende auf dem offensichtlich einzigartigen Weg zum Menschen?Verzögerung ist ja eine Kategorie der Zeit. Etwas dauert länger. Lebensabläufe von Pflanzen, Tieren und Menschen folgen nicht allein irgendwelchen schicksalsbestimmenden Zufällen, sondern die Verhaltensweisen sind genetisch auf vielfältige Weise an die natürlichen Zyklen der Umwelt angepasst. Die Ursprünge dieser Umweltzyklen sind kosmischer Natur, denn Tage und Nächte folgen aus der Drehung der Erde um sich selbst, das Jahr resultiert aus dem Lauf der Erde mit ihrer schiefen Rotationsachse um die Sonne herum und die Gezeiten werden durch die Massenanziehung (Gravitation) des Mondes gemeinsam mit der der Sonne hervorgerufen. Untrügliche Signale für diese Zyklen liefern das Licht der Sonne und das des Mondes in der Nacht. Daher geht das angeborene Zeitempfinden der Lebewesen zumeist auf die Hell-Dunkel-Wechsel des Lichts zurück.
Hier wollen wir die Perspektive nochmals von den Affen zu den Katzen lenken. Im äquatorialen Afrika gibt es keine Jahreszeiten, aber zweimal im Jahr erlebt man den Wechsel von Regen- und Trockenzeiten. Für die Katzen, die ebenfalls äquatornahe Gebiete bewohnten, herrschten deshalb zweimal im Jahr günstige Bedingungen, ihre Jungen aufzuziehen. Das hat sich bei unseren - aus Afrika stammenden - Hauskatzen erhalten, die im Frühjahr und im Herbst Nachkommen zur Welt bringen, während unsere heimische Tierwelt zumeist nur einmal im Jahr brünstig wird (auch unsere heimischen Wildkatzen!). Für solche Primaten, deren Kindheitsentwicklung sich über mehrere Jahre hinzieht, nützen diese günstigen Geburtstermine nichts mehr. Deshalb richten sie sich auch nicht mehr nach diesen Zyklen.
Wenn sich aber die Individualentwicklung (Ontogenese) höherer Primaten und besonders die der Menschen durch ihre Verzögerung von den natürlichen Zyklen abgekoppelt haben, dann bedeutet das nicht, dass die einst wirksamen angeborenen Reiz-Reaktions-Mechanismen aus dem Erbmaterial verschwunden sind. Sie funktionieren nur nicht mehr auf ihre ursprüngliche Weise.
Was ist die Folge aus dieser Veränderung? Der angeborene innere Ablaufplan für das Verhalten passt nun nicht mehr zu den ebenfalls angeborenen Auslösereizen aus der Umwelt, die das Verhalten eigentlich mit den Umweltbedingungen synchronisieren. Was bei einem festen Geburtstermin ursprünglich zusammenpasste, ist jetzt abhängig vom Geburtstermin zeitlich gegeneinander verschoben. Diese zeitliche Verschiebung ist von Fall zu Fall vom Geburtstermin abhängig und da es die altersgerechten Verhaltensprogramme betrifft, wird das Verhalten nun individuell in charakteristischer Weise differieren. So waren geburtszeitabhängige Charaktere entstanden. Dass das so ist, erkennt man daran, dass die Charaktertypen die Reihenfolge der biografischen Schritte widerspiegeln (siehe Generationenschema).
Was zunächst wieder wie ein Nachteil zu bewerten schien, stellte sich aber bald als Vorteil heraus. Sozialen Wesen, wie es die Primaten waren, die sich schließlich zum Menschen entwickelt haben, kooperierten miteinander. Wenn sie unterschiedliche Charaktere und damit verbunden unterschiedliche Talente hervorbrachten, dann führte das ganz automatisch zu Spezialisierungen. Denn jeder macht das, was er gern macht und besser als andere kann (andernfalls bräuchten sie nicht zu kooperieren).
Arnold Gehlen, auch ein Mitbegründer der philosophischen Anthropologie, führt das Menschsein auf die geringe Spezialisierung seines Körperbaus zurück. Er spricht von einem „Mängelwesen“. Deshalb wäre der Mensch zur sozialen Kooperation gezwungen gewesen. Es scheint aber gerade umgekehrt gewesen zu sein, dass nämlich zuerst Unterschiede im Verhalten entstanden, aus denen dann die spezialisierten Kooperationsmöglichkeiten resultierten. Denn nichts entsteht aus dem Nichts. Der Mensch ist zwar körperlich gering spezialisiert, aber seine Spezialisierung liegt in seinem Verhalten innerhalb seines Sozialverbandes. Menschen haben Berufe, Tiere nicht.
Das Organ, das Verhalten produziert, ist das Gehirn. Das Gehirn wächst aber nicht vorwiegend genetisch gesteuert wie die Leber, die Lunge, das Herz etc., sondern seine Neuronen vernetzen sich unter dem Einfluss der Signale, die sie über die Sinnesorgane aus der Umwelt empfangen. So lernt das Gehirn. Es bildet sich ein Gedächtnis. Wenn aber wirklich alle empfangenen Signale ohne Unterschied gespeichert würden, wäre im Gehirn ein heilloses Durcheinander. Deshalb wird bewertet und regelmäßig aufgeräumt. Dafür müssen die Signale der Sinnesorgane abgeschaltet sein. Dieser Zustand ist der Schlaf. Oft wird gesagt, man würde im Schlaf lernen. Aber richtiger ist, dass im Schlaf die Lernprozesse ihren Abschluss finden, denn im Schlaf wird zwischen wichtigen und unwichtigen Gedächtnisinhalten unterschieden und nur die wichtigen werden dauerhaft gespeichert. Alles andere wird vergessen. Da wir als tagaktive Wesen in der Nacht schlafen, finden diese wichtigen „geistigen“ Prozesse in der Nacht statt. Aktivitäten, die wir bei Bewusstsein ausführen, finden am Tag statt. (Nächtliche Arbeiten unter Kunstlicht sollen einmal außen vor bleiben, weil es hier um die Evolution geht, wo Kunstlicht zunächst noch keine Rolle spielte.)
Bewusste Aktivität bei Licht und geistige Verarbeitung bei Dunkelheit im Tag-Nacht-Rhythmus waren bereits vorhanden, als sich ein weiterer tendenzieller Hell-Dunkel-Rhythmus präsentierte. Das waren die Jahreszeiten, welche den aus äquatorialen Zonen auswandernden Afrikanern begegneten. Bis dahin kannten sie variierende Dunkelheit in der Nacht nur im Rhythmus der Mondphasen. Die angeborenen Arbeitsabläufe der Gehirne mussten vollständig recycelt werden, weil sich die steuernden Lichtrhythmen verändert hatten. Weil sowohl die Sonne als auch der Mond an den Lichtrhythmen beteiligt sind, kam der 19-jährige Lunisolarzyklus ins Spiel. Bei kurzlebigeren Wesen spielte der Lunisolarzyklus noch keine Rolle, aber als die Entwicklungszeit der Menschenkinder so deutlich verlängert war, dass sie sich in ein neues rhythmisches System einfügen konnte, war das die „Initialzündung“ für ein völlig neu entstehendes Bewusstsein beim Menschen. Weil das neue rhythmische System nicht im einzelnen Gehirn wirksam war, sondern soziale Interaktionen mit einbezog, entstand das biografische Bewusstsein. Jeder beobachtete jeden und zog seine Schlussfolgerungen für sich selbst aus dem, was er bei anderen sehen konnte. Alte erinnerten sich an ihre Jugend beim Anblick junger Leute. Aber junge Leute konnten auch lernen, dass sie selbst altern und eines Tages sterben werden. Der sprachliche Erfahrungsaustausch fügte weiteres hinzu.
In seinem Buch „Der neuronale Mensch“ schreibt Jean-Pierre Changeux sehr treffend: „Der Darwinismus der Synapsen löst den Darwinismus der Gene ab“. Und weiter: „Die ‚Singularität‘ der Neuronen überschneidet sich mit der Heterogenität der Gene und prägt jedem menschlichen Gehirn die besonderen Merkmale der Umgebung ein, in der er sich entwickelt hat“.
Die Vorstellung einer eigenständig existierenden Seele oder eines Geistes ist aus neuronaler Sicht nicht haltbar. Deshalb ist der Entwicklungsweg des Menschen neuronal zu erklären, wobei die historisch gesicherten Fakten einzubeziehen sind. Die Auswanderung aus dem äquatorialen Afrika nach Norden in eine sich jahreszeitlich verändernde Umwelt ist dabei ein sehr wichtiger Faktor. Aber auch die verkürzte Sicht der Behavioristen, die das Gehirn als Reiz-Reaktions-Automaten darstellt, trifft nicht zu. Zu sehr gehen individuelle Entscheidungen auf Motivationen zurück, die wiederum nur vom Individuum selbst empfunden und bewertet werden können. Dadurch ist ein hohes Maß an individueller Entscheidungsfreiheit entstanden, wenngleich auch die individuell als absolut empfundene Freiheit nur eine Illusion ist. Ein so komplex zusammengesetztes System, wie es unser Gehirn ist, arbeitet nicht vollständig determiniert, aber auch nicht vollständig chaotisch. Das ist so, weil das neuronale System sowohl elektrisch als auch chemisch beeinflusst wird.
Bei der Betrachtung der verlängerten Jugendphase beim Menschen ging es auch schon um das Aufräumen des Gedächtnisses, was in dieser Zeit sogar das bewusste Verhalten beeinflusst. Es zeigt sich, dass der Mensch immer mehr zum Träger geistiger Leistungen wird. Dass alle Lebewesen Repliziermaschinen für die Gene sind, ist bekannt und hat Richard Dawkins sehr anschaulich in seinem Buch „Das egoistische Gen“ gezeigt. Der Mensch – und nur der Mensch - ist nun auch noch zu einer weiteren Repliziermaschine geworden, nämlich eine für geistige Leistungen. Richard Dawkins erfand in Anlehnung an die genetische Informationseinheit „Gen“ für eine geistige Informationseinheit das Wort „Mem“, das an das Wort Memory (Gedächtnis) erinnert. Er hat auch gezeigt, dass sich Meme inzwischen nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten fortpflanzen, wie es die Gene tun.
Wie ist es aber dazu während der Evolution zum Menschen gekommen? Was veranlasste den Menschen, sein Wissen weitergeben zu wollen? Woher kommt dieser inbrünstige Antrieb, den kein anderes Lebewesen besitzt?
Dieser menschentypische Drang, seine Meme fortzupflanzen, kann nicht aus dem Nichts aufgetaucht sein. Es muss etwas bereits existiert haben, aus dem sich dieser Trieb entwickeln konnte.
Die (für mich) plausibelste Erklärung ist die Umwandlung des Sexualtriebs – der Trieb, seine Gene zu verbreiten – in einen Trieb, seine Meme kundzutun. Vielleicht sollte man diesen Trieb dann „Kulturtrieb“, „Ideentrieb“ oder „Memtrieb“ nennen.
Wenn etwas umgewandelt wird, ist das vorher dagewesene verschwunden. Den Sexualtrieb gibt es aber noch. Deshalb kann das nur funktioniert haben, wenn es vorher zwei Sexualtriebe gab. Das klingt zunächst nach Blödsinn, aber es ist ganz einfach. Wir haben das bereits am Beispiel der Katzen gesehen. Sie werden zweimal im Jahr fruchtbar, also haben sie zwei Sexualtriebe. Wenn einer davon umgewandelt wird, bleibt der andere erhalten. Wir Menschen stammen auch aus Afrika und kannten ursprünglich keine Jahreszeiten. In unserem Stammbaum könnten also sehr früh auch einmal Sexualtriebe vorhanden gewesen sein, die zweimal im Jahr aktiviert wurden. Mit diesem latenten Erbe wanderten die Menschen in Gebiete mit Jahreszeiten. Hier wurde einer der beiden sexuellen Antriebe zu einem kulturellen Antrieb („Memtrieb“) umgewandelt, weil die beiden Jahreshälften nicht mehr gleich waren, sondern eine eher hell und eine eher dunkel.
Und hier zeigt sich nun die Vergleichbarkeit von Tag/Nacht und Sommer/Winter in unserem Gehirn. Während der Tag der Aktivität dient, dient die Nacht der geistigen „Aufräumarbeit“ im Gehirn. Ebenso liegen die Schwerpunkte im Sommer und im Winter, weil auch sie durch hell/dunkel gekennzeichnet sind. Gedächtnisinhalte sind nicht an die Zeit gebunden. Wir können uns erinnern, wann wir es wollen.
Bei diesen Überlegungen wurde aber etwas übersehen. In Äquatorialafrika gibt es keine Wechsel von hell und dunkel im Rhythmus des Jahres, es gibt keine Jahreszeiten. Aber da ist ja noch der Mond in der Nacht. Bei zunehmender Mondphase verlängert sich das Licht am Abend. Bei Vollmond ist es die ganze Nacht hell. Bei abnehmendem Mond beginnt der Morgen zeitiger hell zu werden. Nur bei Neumond ist es richtig dunkel. Überträgt man diese zeitlichen Abfolgen auf die Tätigkeit des Gehirns, dann zeigt sich ein Zyklus von einem Monat (29 ½ Tage), in dem sich bewusste Aktivität und geistige „Aufräumarbeit“ schwerpunktmäßig abwechseln. Auch dieses Erbe brachten die Auswanderer aus ihrem Ursprungsgebiet mit in die Zonen mit Jahreszeiten.
Nun wissen wir, dass das Jahr zwölf Monate hat. Aber die zwölf Kalendermonate unseres Gregorianischen Kalenders sind ja keine „echten“ (synodischen) Monate, sondern eine willkürliche Teilung des Sonnenjahres in zwölf Teile ohne Beachtung der Mondphasen. Hätte man die Mondphasen berücksichtigt, hätte man einen Lunisolarkalender wie die Juden oder die Chinesen geschaffen. Die Natur richtet sich aber nicht nach willkürlichen amtlichen Festlegungen, sondern sie richtet sich nur nach sich selbst.
Die Gehirne der Afrikaauswanderer arbeiteten im Rhythmus der Mondphasen und trafen nun auf die Jahreszeiten, die ebenfalls hell und dunkel abwechselten. Eine Umwandlung der Mondphasenorientierung in eine Jahreszeitenorientierung wäre zu dramatisch, als dass es dazu hätte kommen können. Eine Orientierung an beiden kann aber auch nicht plötzlich geschehen sein, weil dann etwas aus dem Nichts hervorgegangen sein müsste, was bei komplizierten Vorgängen nicht möglich ist. Die Lösung des Problems wurde bereits weiter oben genannt, nämlich die Umwandlung eines der beiden Verhaltensantriebe der Sexualität in einen geistigen Verhaltensantrieb (Memtrieb).
Nun ist es wiederum aber nicht sehr glaubwürdig, dass unsere Vorfahren, die aus Afrika auswanderten, nur zweimal im Jahr Sex hatten. Ein solches Verhalten wird gewiss schon weit eher aufgegeben worden sein. Plausibler ist, dass sie bereits im Zyklus des Monats fruchtbar waren, so wie es heute annähernd noch der Fall ist. Allerdings ist zu vermuten, dass ihr Fruchtbarkeitszyklus damals tatsächlich mit den Mondphasen synchronisiert war.
Man kann die Sache hin und her drehen, es scheint keine Antwort auf die Frage zu geben, woher der „Memtrieb“ kam. Verhaltensauslöser der Hell-Dunkel-Rhythmen hängen an Tag und Nacht, den Mondphasen und den Jahreszeiten, aber nichts deutet darauf hin, dass daran irgendetwas Geistiges hängt. Es müsste einen weiteren Zyklus geben, der etwas mit Memen zu tun hat. Heureka! Es gibt einen!
Durch die Retardierung, durch diese sich immer weiter verzögernde Entwicklung unserer Vorfahren, war die Kindheit irgendwann einmal bis auf die Dauer von sieben Jahren angewachsen. Auch die Aufwachsphase und die lange Jugendzeit dauerten durchschnittlich sieben Jahre. Auch das mütterliche bzw. elterliche Verhalten musste sich diesen langen Zeitabschnitten ihrer Kinder anpassen. Eltern und Kinder lebten über zwanzig Jahre lang gemeinsam miteinander und erlebten in gegenseitiger Beeinflussung ihre Biografien. Über zwanzig Jahre lang beobachteten sie einander. Aber sie wurden auch von anderen beobachtet und nun trat das ein, was mich zu diesem „Heureka!“ veranlasste. Sieben Jahre plus zwölf Jahre ergeben neunzehn Jahre – und das ist der Metonische Zyklus (oder Lunisolarzyklus). Weil ein Jahr 365 Tage hat, aber zwölf synodische Monate nur 354 Tage dauern, müssen in 19 Jahren sieben Schaltmonate eingefügt werden, damit sich Sonnenjahr und Mondjahr wieder in Übereinstimmung befinden. Nach 19 Jahren befinden sich Sonne und Mond wieder exakt am gleichen Ort am Himmel. Solche Berechnungen führen die Gehirne, die die Jahre und Monate anhand der Wechsel von Hell und Dunkel erleben, natürlich nicht aus. Aber alles, was das Gehirn gleichzeitig wahrnimmt, wird ganz automatisch als zusammengehörig interpretiert (Hebb’sche Lernregel).
Jetzt, da biografische Schritte durchschnittlich sieben Jahre lang dauerten, konnten die beobachtbaren Biografien der Menschen mit den Bewegungen von Sonne und Mond in eine regelmäßige Übereinstimmung gebracht werden. Das Licht von Sonne und Mond, das auf dem langen Weg der Evolution schon immer als Auslösereiz für ganz bestimmte Verhaltensweisen gedient hatte, konnte einen neuen Zyklus kreieren, der nun die Biografien der Menschen antrieb. Und weil ein Zyklus natürlicherweise in zwölf Abschnitte geteilt ist, weil das Jahr in zwölf Monate geteilt ist, ist nun auch eine vollständige Biografie in zwölf Abschnitte geteilt und zwar in eine sechsteilige erste Lebenshälfte, die der genetischen Reproduktion dient und eine sechsteilige zweite Lebenshälfte, die sich der memetischen Reproduktion widmet. Dies alles ist entstanden, weil das Gehirn Zeitzyklen verarbeitet, ohne dass seine Gedächtnisinhalte an die Zeit selbst gebunden sind. Die memetische Reproduktion wird heute als Kulturevolution bezeichnet.
Hier könnte nun eingewandt werden, dass es viele Menschen gibt, die sich der Kulturevolution bereits in jungen Jahren und nicht erst in der zweiten Lebenshälfte widmen und dies als Gegenbeweis angeführt werden kann. Diese Fälle sind aber nicht grundsätzlich typisch und waren vermutlich einst mehr noch die Ausnahme als heute. Sie zeugen aber von der hohen Verhaltensflexibilität, die dem Menschen mittlerweile eigen ist. Grundsätze sollten nicht durch auftretende Ausnahmen in Frage gestellt werden, auch wenn diese Ausnahmen nun immer häufiger erscheinen. Aber es sollte ja der Weg des Menschen aus seiner Evolution heraus erklärt werden.
Um es noch einmal zu betonen: Der Mensch zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er eine Kultur besitzt - denn es gibt einfache Kulturen auch bei Tieren, die sich durch Nachahmung fortpflanzen - sondern dadurch, dass der Mensch Verhaltensmechanismen hervorgebracht hat, die eine Kulturevolution antreiben. Inzwischen ist der Mensch schon lange Produzent seiner Kultur und gleichzeitig Produkt seiner Kultur geworden, denn Evolution folgt immer aus Zyklen.
Evolution im Kartoffelkorb
Wir bewahren unseren Kartoffelvorrat in einem Korb auf, der in der Abstellkammer neben der Küche steht. Kürzlich entdeckte unsere Enkeltochter, dass diese Kartoffeln noch wachsen, obwohl sie doch längst aus der Erde sind. Ein botanisches Wunder oder was?Ich nehme immer ungefähr gleich große Kartoffeln zum Kochen, damit sie dann alle zur selben Zeit gar sind. Meist nehme ich zuerst die kleinsten Kartoffeln aus dem Korb, weil sie zuerst zu schrumpeln anfangen. Indem stets die kleineren Kartoffeln herausgenommen werden, wächst die Durchschnittsgröße der im Korb verbleibenden Kartoffeln. Beim gelegentlichen Hinschauen, wie es unsere Enkeltochter tut, kann man den Eindruck gewinnen, die Kartoffeln würden wachsen. In Wirklichkeit wächst keine einzige Kartoffel, aber die Gesamtheit des Korbinhalts verändert sich zu größeren Kartoffeln hin. Deshalb scheinen sie zu wachsen.
Dieses einfache Beispiel demonstriert, wie die Evolution funktioniert. Jede einzelne Kartoffel ist ein Phänotyp. Phänotypen sind der Selektion ausgesetzt. Für jede kleine Kartoffel - so ist bei mir das Kriterium - ist die Wahrscheinlichkeit groß, aus dem Korb genommen zu werden und auf Nimmerwiedersehen in unseren Mägen zu verschwinden. Selektion ist also immer ein destruktiver Vorgang. Alle im Korb verbleibenden Kartoffeln bilden den überlebenden Genotyp. Der Genotyp ist gewissermaßen eine statistische Durchschnittskartoffel.
Diese Kartoffelkorbevolution könnte natürlich auch anders verlaufen. Beispielsweise könnte man alle länglichen Kartoffeln zuerst verbrauchen und die eher runden zurücklassen. Entsprechend würden die Kartoffeln peu a peu runder werden.
Die Evolution kann deshalb auch nie in Sprüngen verlaufen, weil sich der statistische Mittelwert aus einer Vielzahl von Einzelwesen und Einzelereignissen verändert. Dieser Prozess verläuft auch nicht zufällig, sondern nach der Gesetzmäßigkeit der Selektion. Die Gesetzmäßigkeit selbst entstand zufällig – aber auch logisch - und alle selektierten Einzelfälle treten ebenfalls zufällig ein, aber Zufälle in großer Zahl enthalten ein Bildungsgesetz.
Bei der Kartoffelkorbevolution war es zunächst eine willkürliche Entscheidung, dass es stets die Kleinsten treffen soll. Es hätten auch die Länglichsten oder die Größten oder die Rundesten oder, oder, oder… treffen können. Entsprechend wäre die Evolution anders verlaufen. Eine weitere zufällige Voraussetzung dafür, dass Selektion überhaupt stattfinden kann, ist, dass alle Kartoffeln ein bisschen verschieden sind (Variation). Die nächste Zufälligkeit ist die Reihenfolge der Selektionen, hier die Reihenfolge der verspeisten Kartoffeln. Aber trotz vieler Zufälligkeiten im Evolutionsprozess ist der Gesamtvorgang logisch nachvollziehbar und stellt deshalb insgesamt eine gesetzmäßige Entwicklung dar. Lediglich sichere Zukunftsprognosen kann man nie stellen, weil man die Entscheidungen der Zufälle nicht vorhersagen kann.
Das erzählte Gleichnis hinkt insofern, dass ich – gewissermaßen als „Gott“ – ein Selektionskriterium willkürlich festgelegt habe. In der realen Evolution ist die Selektion aber ein autopoietischer Prozess. Zu jeder Art gehört immer auch ihr natürliches Habitat, mit dem sich zusammen eine Koevolution entwickelt. Selektionen sind im Habitat sowohl im einzelnen, wie auch in der Gesamtheit zufällige Ereignisse. Die am häufigsten eintretenden Selektionsgründe werden dadurch zu den Selektionskriterien und lenken die Evolutionsrichtung. Deshalb kann man die Zukunft der Evolution nie vorhersagen, weil auch die Selektionskriterien aus einem Zufallsprozess heraus auftauchen.
Dieser doppelte Zufallsprozess bringt die Autopoiesis, also ein selbstreferentielles System hervor. Zu jeder Selektion gehören deshalb stets zwei Entscheidungen. Die individuelle Entscheidung über Leben oder Tod (Selektion) einerseits und andererseits die Entscheidung darüber, welcher Grund (Selektionskriterium) über Leben oder Tod entschieden hat. Es reicht nicht zu, ja oder nein zu sagen. Man muss auch sagen, welche Frage man mit ja oder nein beantwortet.
An dieser Stelle wird es insofern kompliziert, weil es viele Selektionskriterien geben kann, nicht immer nur zwei alternative. Das sind dann aber mehrere verschiedene Baustellen. In jedem Einzelfall führen nie mehrere Gründe zur Selektion, sondern vorrangig nur einer. Entscheidend ist letztlich auch nicht, warum der Tod eintrat, sondern warum der Tod nicht eintrat, denn es geht ums Überleben.
Das erzählte Gleichnis hinkt auch noch aus einem weiteren Grund, weil nämlich die Erbeigenschaften nicht berücksichtigt wurden. Erst wenn die „überlebenden“ Kartoffeln als Saatkartoffeln zur Fortpflanzung verwendet werden, wird sich zeigen, ob die selektierten Eigenschaften in der nächsten Generation wieder auftauchen. Individuelle Eigenschaften müssen nämlich nicht unbedingt auf Erbeigenschaften zurückgehen, sondern können auch ihre Gründe im eigenen Aufwachsen haben. Eine Kartoffel wird auf fruchtbarem Boden größer werden als auf magerem Boden. Das hat dann nichts mit den Erbeigenschaften zu tun und ändert auch nichts an ihnen. Selektionskriterien der Evolution müssen also als weitere Bedingung auf Erbeigenschaften zielen.
Mittelwerte
Im Mittel war der See einen halben Meter tief – trotzdem ist die Kuh ersoffen. Mit dieser drastischen Episode wird gelegentlich darauf hingewiesen, dass ein Mittelwert im Einzelfall keine brauchbare Aussage liefern kann. Welchen Nutzen haben dann Mittelwertaussagen? Für die Landwirtschaft sind beispielsweise mittlere Regenmengen interessant. Für Wintersportorte sind die mittleren Schneehöhen wichtig. Für jegliche Planungen, für die Einzelfälle unwichtig sind, können Mittelwerte wertvolle Entscheidungskriterien sein.Der Verlauf der mittleren Erfahrungswerte kann aber auch auf Ursachen für ihr Erscheinen hinweisen. Dass wir Jahreszeiten erleben, haben wir der schiefen Erdachse zu verdanken. Während des Umlaufs der Erde um die Sonne in einem Jahr, steht die Sonne im Sommer höher über dem Horizont als im Winter. Deshalb sind die mittleren Temperaturen im Sommer höher als im Winter. Ein kühler Sommertag kann aber durchaus einmal kälter als ein milder Wintertag sein. Einzelfälle lassen sich aus Mittelwerten nicht ablesen.
Trotz dieser Regel der Statistik wird immer wieder versucht, Vorhersagen aus Mittelwerterfahrungen herzuleiten. Ein beliebter Irrtum ist die „Schlussfolgerung“, wenn für längere Zeit ein Mittelwert unterschritten wurde, dass die zukünftige Entwicklung dann „zum Ausgleich“ durch höhere Werte gekennzeichnet sein müsse – oder auch umgekehrt. Wo Zufälle eine Rolle spielen, ist aber jeder Einzelfall völlig unabhängig von den Fällen der Vorgeschichte. Ein Mittelwert sagt etwas über die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Ereignissen aus - und zwar für jeden Fall von neuem.
Diese Erläuterung sollte eine immer wieder auftauchende Fehlinterpretation meiner Formel
klarstellen. Siebenjährige individuelle Entwicklungsschritte - i7 - sind ein Mittelwert aus Beobachtungen sehr vieler Personen. Wenn jemand etwas für sein persönliches Einzelschicksal berechnen will, dann geht das nicht. Auch das Generationenschema stellt einen mittleren Zusammenhang her. Wenn sich jemand darin nicht wiedererkennt, dann ist er eben der „kühle Sommertag“ oder der „milde Wintertag“.
Welchen Nutzen hat dann diese Formel, wenn man für sich persönlich daraus nichts berechnen kann? Es ist wie mit den Jahreszeiten, die auf die schiefe Erdachse hinweisen. Mittelwerte zeigen grundsätzliche Zusammenhänge auf, aus denen sich schon Erkenntnisse ziehen lassen, nur keine für ihre Einzelfälle. Bei meiner Formel sind diese Erkenntnisse vermutlich sehr schwerwiegend. Sie erklärt wahrscheinlich die Entstehungsgeschichte der Menschen. Sie kann aber keine Einzelschicksale erklären.
Der kleine Unterschied, der zum Sinn wird
Oft wird eine Entwicklung der Evolution damit begründet, dass sie einen Vorteil hatte, nachdem sie entstanden war. Es kann aber nicht etwas entstehen, weil es sich eines Tages als vorteilhaft erweisen wird. Das würde einen Plan voraussetzen. Es kann sich nur etwas entwickeln, wenn bereits ein kleiner – zufälliger - Unterschied von Vorteil ist. Nur dann entwickelt sich dieser kleine Unterschied zu einem großen Unterschied und wird dadurch zu diesem besagten „etwas“.Aus den Vorderextremitäten der Vorfahren der Vögel haben sich Flügel entwickelt, aber die Begründung dafür kann nicht sein, dass Fliegen zu können, einen Vorteil darstellt. Die Flügel können nicht plötzlich gewachsen und zum Fliegen geeignet gewesen sein. Vermutlich breiteten Vogelvorfahren ihre Arme aus, wenn sie von einem Ast zu einem anderen sprangen. Ein kleiner Unterschied im Gleitverhalten der ausgebreiteten Arme entschied möglicherweise darüber, ob das Tier in die Tiefe stürzte oder sein Ziel erreichte. Die abgestürzten Tiere starben, während die mit dem kleinen Vorteil überlebten und vermehrten so ihre Erbeigenschaften. Über viele Generationen entstanden so die Flügel, die nicht nur kurze Sprünge ermöglichten, sondern nun auch weite Strecken im Flug bewältigen lassen.
Stellen wir nun die Frage, warum der Mensch kein Fell mehr trägt. Seine Vorfahren hatten ein Fell und zwar sowohl Männer als auch Frauen. Da moderne Frauen noch unbehaarter als Männer sind, lässt sich vermuten, dass es Frauen waren, deren Nacktheit Vorteile hatte. Gefühlsmäßig drängt sich mir (als Mann) sofort der Gedanke der sexuellen Selektion auf. Wenn ich mich zwischen einer glatthäutigen oder eine vollständig behaarten Frau zu entscheiden hätte, würde meine Wahl wohl auf die Nackte treffen. Aber wenn ich mir vorstelle, ich hätte die Wahl zwischen einer Frau mit dichtem Fell und einer mit etwas schütterer Behaarung, dann sähe das Ergebnis wohl anders aus.
Was wäre, wenn dieser erste intuitive (männliche) Gedanke nicht der entscheidende war und eigentlich das Mutter-Kind-Verhältnis die Evolution zur Unbehaartheit bestimmt hat. Das Affenkind hält sich am Fell der Mutter fest, was offensichtlich Vorteile für Mutter und Kind hat. Eine Mutter mit schütterem Haar wird ihr Kind aber nicht verlieren wollen, nur weil es sich nicht so gut bei ihr festklammern kann. Sie wird dem Kind helfen, indem sie ihre Arme zu Hilfe nimmt. Das ist aber sehr nachteilig. Es sei denn, die Mutter übt den aufrechten Gang. Evolution hat bekanntlich oft viele Gründe. Unbehaartheit und aufrechter Gang könnten einander ergänzt haben und so die Bindung zwischen Mutter und Kind noch inniger gestaltet haben. Dass eine nackte Frau zusätzlich erotischer auf Männer wirkt als eine behaarte, ist nur ein weiterer Pluspunkt zugunsten der Nackten. Aber so kann es – wie gesagt - nicht begonnen haben. Der kleine Unterschied muss bereits selektiv gewirkt haben und nicht erst der große.
Durch Zufall kann kein komplexes System entstehen, aber durch Zufall kann ein kleiner Unterschied auftreten. Wenn dieser kleine Unterschied innerhalb einer Art für positive Selektion sorgt, dann bekommt er dadurch einen Sinn und entwickelt sich fortan diesem Sinn entsprechend weiter.
Information und Sinn
Besitzt Information einen Sinn? Wörtlich genommen stellt eine Information lediglich eine Angabe über die Verteilung von Energie und/oder Materie in Raum und Zeit dar. In-form, in welcher Form befinden sich Materie oder Energie? Wenn wir Menschen allerdings eine Information bewusst formulieren, dann liegt diesem Vorgang in der Regel ein Sinn zugrunde. Wir ordnen der Information einen Sinn zu. Dieser Sinn haftet der Information aber an sich nicht an, sondern er muss vom Empfänger der Information erst wieder neu gedeutet und dadurch verstanden werden.Ebenso ist es mit der Erbinformation. Der DNA-Strang liefert Informationen darüber, wann und wo welche Proteine wachsen sollen. Diese Proteine bilden schließlich Organe mit einem Sinn. Aber dieser Sinn entsteht erst durch die Funktion des Organs mit dem und für das Gesamtsystem. Diese Sinngebung bekommt dann Einfluss auf die evolutive Selektion, denn wenn etwas Vorteile beim „Kampf ums Dasein“ hat, dann trägt dieser Sinn zum Überleben bei und kann sich fortpflanzen und vermehren. Die Evolution der DNA repräsentiert zwar das statistische „Lernen“ einer Art, aber der Sinn seiner Erbinformation wird von jedem Individuum neu interpretiert.
Einen indirekten Beleg dafür, dass die Erbinformation nicht unmittelbar einen Sinn codiert, haben langjährige Züchtungsexperimente russischer Forscher an Füchsen erbracht. Sie selektierten über viele Generationen stets nur auf das soziale Verhalten, das Füchsen an sich nicht eigen ist. Schließlich besaßen die Füchse ein Verhalten, wie wir es von den Hunden kennen. Aber auch ihr rotes Fell hatte sich in geschecktes Fell verwandelt, ihre spitzen Ohren waren zu Schlappohren geworden und sie wedelten freudig mit dem Schwanz, was Füchse an sich nicht tun.
Die Erbinformation „weiß“ nichts von ihrem eigenen Sinn. Wenn sie sich verändert, dann hat das vielfältige Folgen, wie das Fuchsbeispiel zeigt. Es ist unmöglich, einen kausalen Zusammenhang herzustellen, der den Genen einen Sinn oder gar Zweck zuweisen könnte. Es gibt keine Zuordnung von Ursache und Wirkung. Gene codieren lediglich Proteine und wann und wo diese entstehen werden.
Wir kennen einen weiteren Informationsspeicher – das ist das Nervengeflecht des Gehirns. Es klingt zwar etwas ungewohnt, wenn man behauptet, dass das Gehirn den Sinn seiner Informationen nicht kennt. Aber „Ich“ bin es, der den Sinn kennt, nicht mein Gehirn. Ich bin schließlich nicht nur mein Gehirn, sondern ich bin alles, was zu mir gehört.
Konstruktivisten und Neurobiologen denken darüber teilweise etwas anders, aber wenn man Thomas Fuchs‘ Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ gelesen hat, dann kann man den hirnzentristischen Standpunkt nicht mehr weiter vertreten.
Man muss die Antwort vermutlich schuldig bleiben, was denn dieses mysteriöse „Ich“ ist. Aber so viel muss klar sein, dass das „Ich“ alles zusammen ist, inklusive des Gehirns. Aber wenn ich gestorben bin, ist nur noch mein toter Körper da, aber „ich“ bin weg. Das ist schon etwas beunruhigend.
Wenn Richard Dawkins in seinem Buch „Das egoistische Gen“ Darwins „Kampf ums Dasein“ auf die Spitze treibt und diese „kämpferische“ Rolle den Genen zuweist, dann provoziert er ebenfalls diesen Irrtum einer Sinnzuordnung. Erst wenn das Individuum seinen genetischen Informationen ihren Sinn zuweist, lebt es den „Egoismus“ seiner Gene aus. Denn nicht die Geninformationen müssen sich vor der Selektion beweisen, sondern das Individuum insgesamt. Selektion ist eine „Alles-oder-Nichts-Entscheidung“. Trotzdem ist Dawkins Denkansatz natürlich grundsätzlich richtig, könnte aber missverstanden werden.
Bei höheren, lernfähigen Lebensformen zeigt sich dann die Abstraktion der genetischen Information, die lediglich dafür sorgt, dass ein ausreichend speicherfähiges Gehirn gewachsen ist. Außerdem sorgen offenbar die Gene dafür, dass dem Individuum u.a. ein Lernwille und die Neugier mit auf den Weg gegeben werden. Dadurch unterstützt das Gelernte den „Kampf ums Dasein“ in immer wieder veränderten „individuellen“ Umweltgegebenheiten.
Schließlich tauchte der Mensch auf, der die Reihenfolge von Information und Sinn herumdrehte. Der Mensch entwickelte eine Sprache als Informationsmedium, die einen Sinn von Mensch zu Mensch zu transportieren vermag. Aber auch bei der sprachlichen Information gilt, dass der Sinn erst wieder neu in die Informationen hineingedeutet werden muss. Niklas Luhmann unterscheidet deshalb bei jeder Informationsübertragung Alter und Ego. Alter teilt mit und Ego versteht. Aber der Sinn, den Alter mitteilen wollte, muss nicht unbedingt von Ego so verstanden werden, wie ihn Ego gemeint hat. Nur aus der Rückinformation des Verhaltens von Ego kann Alter sehen, ob Ego den Sinn zumindest ungefähr in seinem gemeinten Sinne verstanden hatte. Alter und Ego bilden ein System, solange sie Informationen austauschen.
Die Sinnfrage stellt sich im Übrigen immer erst dann, wenn man vom Ganzen nur einen Teil betrachtet und nach dessen Sinn fragt. Diese Gewohnheit ist uns Menschen deshalb eigen, weil wir selbst Schöpfer von Dingen sind, die wir sinnvoll zusammensetzen. Unser schöpferisches Denken übertragen wir - unberechtigterweise - auf die „Schöpfungen“ der Natur. Bei menschlichen Schöpfungen kann man die Sinnfrage stellen. Man kann eine Uhr in ihre Komponenten zerlegen und jedem Zahnrad, jedem Lager und jedem Schräubchen ihren Sinn zuordnen. Die Natur wurde aber nicht sinnvoll vorausgeplant. Ein Vogel besitzt seine Flügel nicht, um damit zu fliegen, sondern der Vogel fliegt, weil er Flügel hat. Diese Reihenfolge dürfen wir nicht herumdrehen.
Die Sinnfrage stellen oft Menschen sich selbst. Welchen Sinn hat mein Leben? Nach den bisherigen Überlegungen müsste die Gegenfrage lauten: „Von was bist Du ein Teil?“ Eine Antwort könnte lauten: „Du bist Teil einer Generationenfolge“. Und da sind wir wieder bei dem Zusammenhang von Information und Sinn. Innerhalb der Generationenfolge überträgt man genetische Informationen. Man überträgt aber auch kulturelle Informationen. Ist dann ein Leben ohne leibliche Kinder sinnlos? Vordergründig könnte man das bejahen. Aber dann müssten Arbeitsbienen auch sinnlos sein, denn sie haben keinen eigenen Nachwuchs. Sie sind Teil des Bienenstaates und dort erfüllen sie altruistisch einen Sinn. Der Mensch als Sozialwesen kann ebenfalls ein sinnvolles Leben führen, ohne eigene Kinder zu haben. Er kann „Arbeitsbiene“ sein oder er kann sich vollkommen der kulturellen „Fortpflanzung“ widmen. Einzig ein vollkommen solitäres Leben, das keinerlei Informationen der Nachwelt hinterlässt, müsste man wohl als sinnlos bezeichnen.
Wenn man Information und Sinngebung auseinander hält, bekommt man auch eine Erklärung dafür, warum der Mensch in seinen einzelnen Lebensphasen in freier Interpretation über seine angeborenen Handlungsmotivationen verfügen kann. Es obliegt dem Individuum selbst, seinen inneren, abstrakten Informationen (Motivationen) einen konkreten Sinn zu geben. Diese Freiheit ist nicht grenzenlos, denn die Sinngebung muss zur Information passen. Davon merkt man jedoch nichts und ist deshalb der Meinung, grenzenlos frei zu entscheiden. An den geordneten biografischen Mustern eines Menschen erkennt man dann am Ende aber, dass sich alle „frei“ getroffenen Entscheidungen in dieses Muster eingeordnet hatten.
Freiheit von…
Beim Begriff „Freiheit“ haben wir zwischen „Freiheit von…“ und „Freiheit zu…“ zu unterscheiden. „Freiheit zu…“ ist die Willensfreiheit. Um diese soll es hier nicht gehen. Es soll die „Freiheit von…“ mit Blick auf die Evolution des Lebens betrachtet werden. Synonym könnte man auch „unabhängig von…“ sagen.Wir sind abhängig von Luft, von Nahrung, von Wasser. Alle Lebewesen befinden sich in diesen Abhängigkeiten. Wir Menschen wissen darum und sorgen deshalb rechtzeitig vor. Dadurch werden wir zumindest zeitlich unabhängiger vom Diktat des Hungers und des Durstes.
Ist ein Tier in Freiheit eigentlich unfrei, weil es sich um Nahrung und Wasser sorgen muss? Ist das Tier in Gefangenschaft sorgenfreier, weil es gefüttert wird? Wir Menschen haben uns freiwillig in eine solche „Gefangenschaft“ begeben – in eine soziale Versorgungsgemeinschaft. Wir haben als Staatsbürger Rechte - aber auch Pflichten. Wir sind nicht mehr unabhängig, wie ein Tier in freier Wildbahn. Gleichzeitig sind wir aber von Sorgen befreit, die wir ohne die soziale Gemeinschaft allein zu tragen hätten.
Das Überleben gelingt offenbar umso besser, je unabhängiger man sich vom Diktat der Umweltbedingungen macht. Man tauscht dann aber die eine Abhängigkeit gegen eine andere ein.
Welchen Vorteil hat dieser Tausch? Welche „Freiheit von…“ kann man sich eintauschen? Diese Frage steht nicht erst vor uns Menschen, sondern diese Frage hat das Leben von Anfang an zu beantworten gehabt. Nach gängiger Lehrmeinung ist das Leben im Wasser entstanden – in „schmutzigem“ Wasser. In reinem H2O hätte kein Leben entstehen können. Da hätten die chemischen „Zutaten“ gefehlt. Komplexe Lebewesen, wie wir sie heute kennen, sind aber nicht mehr auf umgebendes „Schmutzwasser“ angewiesen, denn sie tragen das „Schmutzwasser“ in ihrem Inneren mit sich herum. Um dieses Reservoir von Zeit zu Zeit aufzufüllen, gehen komplexe Wesen auf Wasser- und Nahrungssuche. Höher entwickelte Lebewesen haben sich von dem „nahrhaften“ Milieu, an das einst ihre Existenz gebunden war, befreit.
Diese „Befreiung von…“ war ein Unabhängigwerden von Raum und Zeit. Lebewesen haben sich von der Bindung an ihre jeweiligen in Raum und Zeit herrschenden Umweltbedingungen befreit, indem sie sich diese Bedingungen selbst erzeugten. Diese Pflicht zur Selbsterzeugung der eigenen Lebensbedingungen ist allerdings der Preis dafür, unabhängig von einem lebensspendenden Milieu existieren zu können.
Diese Selbsterzeugung von Lebensbedingungen funktioniert nur in Kooperation. Zur Kooperation gehört Kommunikation: „Gibst du mir, so geb ich dir“. Wie beginnt ein solcher Kooperationszyklus? Einer der beiden Partner muss den ersten Schritt tun. Bei einfachen katalytischen Zyklen steht ein Katalysatormolekül im Raum. Seine Anwesenheit begünstigt oder ermöglicht überhaupt erst die Synthese eines anderen Moleküls. Und wenn dieses zufällig als Katalysator für das zuerst dagewesene Katalysatormolekül wirken kann, dann ist ein katalytischer Kooperationszyklus entstanden. Beide Molekülarten profitieren voneinander, ohne dabei einen Nachteil zu erleiden. Diese Moleküle handeln natürlich nicht willentlich. Aber sie kooperieren bereits durch Kommunikation. Sie tauschen nämlich Informationen aus. Information hat hier seine elementarste Bedeutung, nämlich die Angabe über die Verteilung von Energie und Materie in Raum und Zeit. Der „Sinn“ dieser Information ergibt sich dann aus der Tatsache, dass ein anderes Molekül entstanden ist. Die Existenz dieses neuen Moleküls verleiht der Information seines Katalysatormoleküls einen Sinn. Umgekehrt trifft das dann ebenso zu.
Indem Lebewesen ihre Katalysatoren mit sich herumtragen, haben sie sich von ihren ursprünglichen Entstehungsbedingungen in Raum und Zeit befreit. Sie haben sich aber nicht von ihrer Entstehungsgeschichte befreit. Der Zusammenhang von Information und deren Sinngebung durch einen Informationsempfänger bleibt bestehen. Erst wenn sich der Informationszyklus schließt, wenn nämlich eine Information zurückgegeben wird, die dann ebenfalls mit einem Sinn belegt wird, ist eine dauerhafte Kooperation durch Kommunikation entstanden. Dieser Sinn besteht dann ebenfalls in der Existenz eines katalysierten Moleküls. Der Sinn der Kooperation ist der darwinsche „Kampf ums Dasein“. Hier wird sofort sichtbar, dass der Sinn nicht vor dem Dasein existierte, sondern dass der Sinn mit dem Dasein zusammen entstand.
Dieses Dasein stellt eine Erhöhung von Ordnung dar, was aber dem zweiten Satz der Thermodynamik widerspricht, wonach sich die Entropie eines Systems (gewissermaßen die Unordnung) stets nur erhöhen kann. Schrödinger sprach deshalb von Negentropie (negativer Entropie) im Zusammenhang mit Leben. Eine Erhöhung der Negentropie kann nur durch Zuführung von Energie ins System geschehen. Man muss deshalb zwischen offenen und geschlossenen Systemen unterscheiden. In geschlossenen Systemen ist der Energiegehalt stets konstant. Ein offenes System kann Energie aufnehmen und mit ihr Negentropie aufbauen. Das setzt aber voraus, dass sich eine (durchlässige) Grenze zwischen System und Umwelt bildet. Genau das hat das Leben bewerkstelligt. Es hat Zellen gebildet.
Von da an war das System „Zelle“ nicht mehr darauf angewiesen, dass katalytische Prozesse durch zufälliges Aufeinandertreffen von Atomen und Molekülen aufrecht erhalten bleiben, sondern nun wurde dieser Prozess gezielt gesteuert. Das Leben hat sich vom Zufall befreit.
Es sei aber noch einmal wiederholt: Mit jedem Befreiungsakt entstand die neue Abhängigkeit, sich nun selbst um das kümmern zu müssen, von dem man sich befreit hat.
Man kann den Gedanken natürlich auch herumdrehen und sagen, dass man sich selbst um das kümmert, von dem man abhängig ist und sich so von dieser Abhängigkeit befreit. Auf jeden Fall wächst mit jedem Befreiungsakt die Komplexität der individuellen Handlungsoptionen.
Beim Menschen hat sich eine ganz besondere Fähigkeit entwickelt, nämlich dass er seine soziale Intelligenz auf das Dingliche übertragen kann. Während das angeborene Sozialverhalten durch seine höhere Intelligenz variabler wurde, konnte der Mensch seine Handlungen schließlich völlig von der sozialen Ebene befreien und auf die übrige Welt ausdehnen.
Eine weitere Befreiung gelang dem Menschen, dass er seine ursprünglich angeborenen alterstypischen Verhaltensmotivationen auf alle Altersbereiche ausdehnen konnte und dadurch individuelle Charaktere bilden konnte. Das im Generationenschema den Altersbereichen zugeordnete Verhalten wurde zur Grundlage für die individuellen Charaktere. Alle diese Entwicklungen zu mehr Komplexität waren letztendlich Befreiungsakte von ursprünglich zugeordneten Reiz-Reaktions-Mustern. Die historische Entwicklung allen Lebens – die Evolution – war nie nur reiner Zufall, sondern sie war stets abhängig von den ererbten Anlagen. Wenn von dieser Abhängigkeit Befreiungsakte stattfanden, dann waren diese stets mit einer neuen Abhängigkeit verbunden. Deshalb lässt sich die Evolution historisch zurückverfolgen, was bei rein zufälligen Prozessen nicht möglich wäre.
Warum? - Wie?
Karl Marx sagte: „Die Philosophen haben die Welt unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern“.Wenn man wissen will, wie die Dinge funktionieren, dann stellt man meist die Frage: „Warum ist das so?“. Dann begegnen einem Naturgesetze, die elementarsten sind die physikalischen Beschreibungen. Wenn man komplexe Systeme verstehen will, analysiert man. Das heißt, man zerlegt die Systeme in ihre Bestandteile und findet den Sinn jedes Teils, das es für das Funktionieren des Ganzen besitzt. Bei Geräten und Maschinen, die von Menschen geschaffen wurden, ist das der richtige Weg. Man kann auch Lebewesen in ihre Bestandteile zerlegen, man kann sie sezieren. Dann findet man Erklärungen für den Sinn ihrer Organe und welche Aufgabe sie für das Leben des Wesens erfüllen. Genauso, wie die Maschinen Konstrukteure hatten, müssen Lebewesen einen Schöpfer gehabt haben. Menschen, die vor Charles Darwin lebten, mussten das so glauben. Ein Schöpfer ist ein kompliziertes Wesen, aber wie kann etwas Kompliziertes plötzlich aus dem Nichts entstanden sein? Diese Frage beantwortet Richard Dawkins in seinem Buch „Der blinde Uhrmacher“ ganz einfach – es geht nicht.
Das Leben kann nur in ganz kleinen Schritten durch Evolution entstanden sein. Es konnte nur ganz einfach begonnen haben und sich im Laufe der geschätzten vier Milliarden Jahre zu komplizierten Systemen entwickeln. Evolution lässt sich dann nicht mehr nur physikalisch und chemisch erklären, sondern es muss der historische Prozess aufgeklärt werden. Das ist so, weil alles auch ganz anders hätte kommen können. Das ist anders als in der Physik, wo man monokausale Gesetze formuliert. Eine Ursache hat eine Wirkung.
Die wichtigste Rolle während der Evolution spielten die Erbinformationen - die Gene. Sie werden heute häufig als „Blaupause“ für das Wachsen eines Lebewesens bezeichnet, was Richard Dawkins mit Recht kritisiert. Die Gene sind eher vergleichbar mit einem Kochrezept. Ein Kochrezept skizziert nicht das Endprodukt, sondern es beschreibt, wie man zu dem Endprodukt gelangt. Ein Kochrezept beschreibt, was zu tun ist, damit am Ende ein schmackhaftes Gericht auf dem Tisch steht. Gene beschreiben, wie sich ein Wesen entwickeln muss. Gene „wissen“ nicht, was am Ende dabei herauskommt. Sie „hoffen“ darauf, dass es erfolgreich sein wird, wenn es um den „Kampf ums Dasein“ geht.
Es nützt nichts, wenn man etwas erfindet, aber nicht weiß, wie man diese Konstruktion dann Wirklichkeit werden lässt. Ein Architekt kann die schönsten Bauwerke auf seinem Zeichenbrett entwerfen, aber erst die Technologien für den Bau ermöglichen es, dass am Ende ein schönes Gebäude zu bewundern ist. Auf das „Wie“ kommt es an.
Das „Wie“ ist ein Programm. Hier kommt der Faktor „Zeit“ ins Geschehen. Welche Schritte müssen nacheinander in welcher Reihenfolge gegangen werden? Das ist das Prinzip des Kochrezepts, aber nicht das Prinzip der Blaupause.
Ist die Blaupause nun eine völlig sinnlose Erfindung? Nein, natürlich nicht. Menschen sind Schöpfer neuer Dinge. Sie planen etwas, bevor sie es in die Tat umsetzen. Vor allem arbeiten Menschen kooperativ zusammen und da müssen sie ein gemeinsames Ziel besitzen, damit dann jeder das Richtige tut. Aber zielgerichtetes Teamwork irgendwo in der Natur zu suchen, wäre völlig erfolglos. In der Natur gibt es nur angeborene Programme, nach denen Lebewesen handeln. Sie kennen nur das „Wie“, nicht das „Warum“. „Warum“ ist eine Erfindung der Menschen und das befähigt sie, schöpferisch tätig zu sein.
Man könnte natürlich den Kölner Dom oder die Dresdner Frauenkirche auch nach dem Prinzip der Evolution bauen. Dann müsste man aber Millionen Jahre lang und millionenfach Kirchen bauen und sie wieder abreißen, bis etwas Vernünftiges daraus geworden ist. Mit einem Plan geht das schneller.
Was ist aber dieser Plan? Die Menschheit konnte nicht schon immer Kathedralen bauen. Es ging auch ganz einfach damit los, dass man Steine aufeinandersetzte und dabei Erfahrungen sammelte, wie sie am besten zusammenhalten. Was sich praktisch bewährt hat, hat man sich gemerkt und was nicht funktioniert hat, wurde verworfen und wieder vergessen. Dasselbe, was die Gene beim Bau von Lebewesen tun, macht das menschliche Gedächtnis beim Bau von Kathedralen. Und darin unterscheiden sich nun die Menschen von allen anderen Lebewesen. Menschen geben ihre Erfahrungen von Generation zu Generation weiter und spezialisieren sich, weil ein einzelnes Gehirn diesen riesigen Erfahrungsschatz gar nicht mehr erlernen kann, der sich im Laufe der Menschheitsgeschichte angesammelt hat.
Wenn wir die Vergangenheit beurteilen wollen, müssen wir „Warum“ fragen. Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, müssen wir das „Wie“ beantworten. Das geht aber nur, wenn wir zuvor das „Warum“ kennengelernt haben. Wir fühlen uns zwar als Schöpfer neuer Dinge, aber in Wirklichkeit fügen wir nur eine ganz kleine „Mutation“ den Erfahrungen hinzu, die wir von unseren Vorfahren „geerbt“ haben. Vermutlich sind wir nichts weiter, als die Fortsetzung einer „Schöpfungsgeschichte“, die schon mit dem Urknall begann – oder vielleicht noch viel früher.
Sonnenverehrung
Jahrtausende lang zogen Jäger und Sammler ohne festen Wohnsitz durch die Landschaft und lebten von dem, was ihnen die Natur bot. Zeitorientierung erfuhren sie von den Phasen des Mondes. Das war ihre ganz natürliche Normalität. Die brennend heiße Sonne während der Mittagsstunden konnten sie nur als lästig empfunden haben.Eine ausnehmend privilegierte Stellung nahmen die Menschen ein, die sich in der Oase des Nils niederließen. Ihr Speisetisch war stets reichlich gedeckt – dank des Nils und seines jährlichen Hochwassers. Dieses „Paradies“ galt es sich zu sichern und lud deshalb ein, dort sesshaft zu werden.
Diese Vorfahren der heutigen Ägypter entdeckten einen Rhythmus, der sich nicht am Mond orientierte, sondern an der Sonne. Das Nilhochwasser und mit ihm der Rhythmus der Vegetation folgte dem Lauf der Sonne und mit ihr den Sternen. Es war also kein Wunder, dass die Ägypter den Sonnengott Re verehrten. Er sorgte für ihren Wohlstand, wie man alle Jahre wieder deutlich sehen konnte.
Nichtsdestotrotz blieben die Mondphasen weiter Begleiter ihrer Nächte, aber sie traten zurück, fast bis ins Unbewusste. Das Bewusstsein beschäftigte sich zunehmend mit der Sonne und den Sternen und deren religiöser Verehrung. Wen wundert es da, dass die Ägypter als erste vom Mondkalender abrückten und einen Sonnenkalender einführten.
Vergleicht man die kulturellen Leistungen der alten Ägypter mit denen der übrigen Afrikaner, so liegen geradezu Welten zwischen deren rückständigen Lebensweisen und der ägyptischen Hochkultur.
Moderne Ägyptologen haben nachgewiesen, dass die Pyramiden und Tempelanlagen nicht von Sklaven errichtet wurden, sondern dass hochengagierte Volksmassen diese „Wunder“ vollbracht haben. Was war zu dieser Zeit für diese Leute in Ägypten die Motivation, sich derart für ihr Gemeinwesen zu engagieren?
Meine Antwort lautet: Ihre von Sonne und Mond gesteuerten mentalen Motivationsrhythmen waren perfekt synchronisiert. Die individuellen Rhythmen waren vollkommen am Sozialrhythmus und am Lunisolarzyklus orientiert.
Ebenso brachte das alte China eine erstaunenswerte Hochkultur zustande. Auch die Chinesen orientierten sich an Sonne und Mond, indem sie nach einem Lunisolarkalender lebten. Ihre Kultur hatte deutlich längeren Bestand als die ägyptische. Die Ursache des ägyptischen Niedergangs liegt möglicherweise in der einseitigen Beachtung des Sonnenzyklus und in der Vernachlässigung des Mondrhythmus‘.
Wir, die wir schon lange nur noch nach dem Sonnenkalender leben, haben keine solchen Probleme mit unserem Gemeinwesen und unserer Kultur. Woran könnte das liegen? Die Ägypter hatten keine Wochentage, wie wir. Unsere Kultur ist an die Jüdische angepasst, die einen siebentägigen Wochenrhythmus hervorgebracht hat. Die Woche ist ein annähernder Ersatz für die vier Mondphasen und die Abweichung von 1 ½ Tagen zwischen dem 29 ½-tägigen Mondzyklus und 28 Tagen ist nicht sehr beträchtlich. Vermutlich konnte man sich an diese Zeitordnung gewöhnen, ohne dass das Rhythmengefüge zusammengebrochen ist.
Ein derartiges Sozialsystem ist in seiner perfekten Form mit der Leistungsfähigkeit von Insektenstaaten vergleichbar. Gerade für das Volk der Chinesen wurde der Vergleich mit den Ameisenstaaten bereits häufig strapaziert.
In unserer heutigen Zeit wird der Individualismus hoch verehrt. Die Gefahr dabei besteht natürlich, dass Gemeinschaftsleistungen immer weniger möglich werden. Es könnte aber auch sein, dass dieser Mangel durch technische Kommunikationsmöglichkeiten kompensiert wird. Beispielsweise durch das Internet haben sich Möglichkeiten aufgetan, die die Menschen weltweit in ihrem Denken mehr synchronisieren, als es alle bisherigen Kulturen vermocht haben.
Wenn wir aber eine Erklärung dafür finden wollen, wie eine Hochkultur wie die des alten Ägypten entstehen konnte, findet man die Ursache wahrscheinlich in der Natur selbst. Eine glückliche Verhaltenssynchronisation nach der Formel
L19 = i7 + S12 hätte dies bewirken können.
Zufall und Chemie
„Gut Ding will Weile haben“. Das ist eine alte Weisheit aus dem Leben. Ein ähnlicher Spruch lautet: „Kommt Zeit, kommt Rat“. Auf was muss man warten? Wofür soll man Geduld aufbringen? Warum kann nicht alles sofort sein?
Vermutlich kommt man auf so eine absurde Frage nur in einem Milieu, in dem das Motto gilt: „Zeit ist Geld“. Aber auch völlig unkommerziell ist man oft ungeduldig und stellt deshalb die Frage, ob und wie sich etwas beschleunigen lässt.
Die Ursache für all diese Warterei ist die Chemie. Chemische Prozesse dauern eine ganz bestimmte Zeit, weil wir die Atome, die sich zu Molekülen verbinden sollen, nicht einfach in die Hand nehmen und in der gewünschten Weise zusammenfügen können. Wir müssen warten, bis die Verbindungen durch Zufall zustande kommen.
Wir können die Zufallsprozesse beeinflussen indem wir beispielsweise Wärme zuführen. Dadurch bewegen sich die Teilchen schneller und die Wahrscheinlichkeit der Begegnungen erhöht sich. Das hat aber Grenzen, denn bei zu viel Geschwindigkeit beginnt ein zerstörerischer Prozess. Chemische Prozesse sind also an den Zufall und dieser an Wahrscheinlichkeiten gebunden. Die Wahrscheinlichkeit sagt aus, wie oft ein bestimmtes Ereignis im Verhältnis zu allen möglichen Ereignissen eintreten wird. Das ist wie beim Würfeln. Die Wahrscheinlichkeit, beispielsweise eine Vier zu würfeln beträgt ein Sechstel. Man muss also durchschnittlich sechsmal würfeln, um eine Vier oder irgendeine andere gewünschte Zahl zu erzielen. Es dauert also eine gewisse Zeit, bis ein gewünschtes Ereignis durch Zufall eintritt. Das braucht Geduld. Deshalb: „Gut Ding will Weile haben“.
Man kann Zufälle auch schneller herbeiführen, indem man versucht, die Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens zu erhöhen. Bei chemischen Prozessen benutzt man beispielsweise Katalysatoren. In deren Gegenwart finden manche Prozesse schneller oder überhaupt erst statt. Dieses Prinzip der Beeinflussung hat sich die biotische Natur zunutze gemacht. Durch Biokatalysatoren können Lebewesen gewissermaßen „nach Vorschrift“ wachsen. Den Zufällen der Chemie wird biotisch in komplizierten katalytischen Zyklen auf die Sprünge geholfen.
Unter bestimmten gegebenen Umständen können also zufällig bestimmte chemische Verbindungen entstehen, wenn sie dafür eine gewisse Zeit zur Verfügung haben. Auch können diese Verbindungen wieder zerfallen, wenn sich die Bedingungen ändern. Auch dafür brauchen sie eine gewisse Zeit, weil auch die Zerfallsprozesse auf molekularer Ebene zufällig verlaufen.
Wenn sich bestimmte Umstände oder Bedingungen in vorgegebenen Zeitzyklen ändern, dann können sich aus vorhandenen Atomen nur solche Moleküle bilden, die alle diese Bedingungen schadlos überstehen. Alle anderen ebenso zufällig entstandenen Moleküle werden im Darwin’schen Sinne selektiert. Sie zerfallen wieder. Die „überlebenden“ Moleküle bilden dann gewissermaßen ihre Entstehungsbedingungen ab. So muss es auch bei der Entstehung der Grundbausteine des Lebens gewesen sein.
Wir wissen nicht, wie diese Grundbausteine des Lebens entstanden sind. Wenn sie aber auch heute noch selbst ein Abbild ihrer Entstehungsbedingungen sind, dann kann man schlussfolgern, wie das Leben entstand.
Auf diesem Weg wurden bereits etliche Hypothesen geprüft und auch zumindest Teilerfolge erzielt. Genannt seien das legendäre Miller-Experiment oder die jüngeren (2009) Experimente eines Forscherteams um John Sutherland (Spektrum der Wissenschaft 03/10). Auch über die Rolle der Black Smoker in der Tiefsee wurde nachgedacht.
Bei Sutherlands Experiment wird von einer urzeitlichen Wasserpfütze ausgegangen, die bei Sonnenbestrahlung austrocknet. Leider trieb die Phantasie dieses Team nicht soweit, die urzeitliche Wasserpfütze irgendwo in die Gezeitenzone eines Meeres anzusiedeln. Dann hätte man nämlich nicht nur den 24-Stundenzyklus der Sonne ins Geschehen eingreifen lassen, sondern man hätte an den Gezeitenzyklus denken müssen, in dem Bewässerung und Austrocknung zweimal täglich stattfinden.
DNA versus mt-DNA
Bei der Erforschung, ob wir mit dem Neandertaler (ein kleines bisschen) verwandt sind, verglichen der Schwede Svante Pääbo und sein deutscher Mitarbeiter Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig zunächst die mitochondriale DNA (mt-DNA), die sie aus Neandertalerknochen gewonnen hatten, mit der heute lebender Menschen. Das Ergebnis lautete: Nein, wir sind nicht mit dem Neandertaler verwandt. Ich selbst nahm diese Mitteilung seinerzeit mit Stirnrunzeln zur Kenntnis, denn die mt-DNA wird bekanntlich nur über die weibliche Linie vererbt. Es hätte also sein können, dass nur Neandertalermänner zu unseren Vorfahren gehörten, was sich aber nur in der DNA des Zellkerns erweisen würde. Diese Idee war zusätzlich durch die Forschungen von Bryan Sykes beeinflusst, dass nämlich alle Europäer von nur sieben Frauen abstammen, was er in seinem Buch „Die sieben Töchter Evas“ beschreibt. Auch er hatte mitochondriale DNA an tausenden lebenden Menschen verglichen.
Tatsächlich hatten dann in einer zweiten Untersuchung Svante Pääbo und Kollegen am Neandertalergenom des Zellkerns (DNA) festgestellt, dass wir doch Gemeinsamkeiten mit dieser inzwischen ausgestorbenen Menschenart haben. Alle Menschen (außer den Afrikanern, die südlich der Sahara leben) besitzen Erbanlagen des Neandertalers (Fernsehdokumentation auf ARTE am 28. Jan. 2011).
Die Tatsache, dass wir DNA aber keine mt-DNA vom Neandertaler in uns tragen, lässt nach meiner Ansicht nur den Schluss zu, dass Neandertalermänner aber keine Neandertalerfrauen zu unseren Vorfahren zählten. Vielleicht waren es Bryan Sykes „sieben Töchter Evas“, die mit Neandertalermännern Kinder gezeugt hatten. Wenn diese Nachkommen besonders überlebensfähige Eigenschaften gehabt hätten, wäre das eine Erklärung dafür, warum das Erbgut heute noch bei uns nachweisbar ist.
Neandertaler waren eine Menschenart, die Europa und Asien bereits seit tausenden von Jahren besiedelt hatten. Der „moderne“ Mensch war vom äquatorialen Afrika aus nach Norden eingewandert und traf vermutlich im nahen Osten mit seinen nördlichen Nachbarn zusammen. Beide Menschenarten mussten ganz unterschiedliche Erbanlagen bezüglich ihres Verhaltens in den jeweiligen Umwelten hervorgebracht haben. Im Norden waren das die Jahreszeiten mit ihren kalten und dunklen Wintern, während in Afrika das ganze Jahr über ziemlich gleichmäßiges Klima herrscht und die Tage und Nächte immer etwa gleich lang sind.
Dadurch war die Zeitorientierung sehr verschieden, denn in Afrika schaute man zum Mond, während man im Norden zur Sonne blickte, weil man keinen Kalender im Taschenformat, wie wir, besaß.
An dieser Stelle empfiehlt sich ein Blick zur Vogelzugforschung. Bekanntlich finden Zugvögel ihren Weg auch durch Beachtung ihrer „inneren Uhr“. Kreuzungsexperimente mit Mönchsgrasmücken, die für solche Versuche recht geeignet sind, hatten gezeigt, dass sich die angeborenen Zugstrecken zu ihren Überwinterungsgebieten am Niger eines in Schweden brütenden Männchens mit der eines in Südfrankreich brütenden Weibchens vermischt. Die Nachkommen hatten dann eine angeborene Zugstrecke, als würden sie irgendwo dazwischen aus Norddeutschland stammen.
Wenn sich angeborene Zeitprogramme von Nordmenschen mit denen von Südmenschen vermischt hätten, dann hätte ebenfalls eine völlig neuartige zeitliche Verhaltensstruktur entstanden sein können. Insbesondere könnte dies eine Erklärung dafür sein, warum die vorrangige Mondorientierung im Süden und die Sonnenorientierung im Norden zu der neuartigen lunisolaren Orientierung werden konnte. Vor allem, dass dies so plötzlich auftrat, verlangt nach einer Erklärung.
Afrikanergene
Der Schwede Svante Pääbo und sein deutscher Mitarbeiter Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben das Genom des Neandertalers sequenziert und es mit dem der modernen Menschen verglichen (Fernsehdokumentation auf ARTE am 28. Jan. 2011). Im Ergebnis stellten sie fest, dass auch in uns noch ein Stück Neandertalervergangenheit steckt. Vermutlich trafen sich Neandertaler und Menschen einer erneuten Auswanderung aus Afrika im nahen Osten und zeugten miteinander Nachkommen. Diese Nachkommen besiedelten dann die gesamte übrige Welt und wanderten auch zurück nach Afrika. Aber nun kommt das Interessante: Diese Wanderung zurück nach Afrika reichte nur bis in den Norden des schwarzen Kontinents. Bei den Menschen südlich der Sahara sind keine Neandertalergene zu finden.Die Frage daraus lautet: Welche Folge hat dieser Unterschied? Alles was bisher zur Klassifizierung von Menschen angeführt wurde, findet man auch bei Afrikanern. Aufrechter Gang, Sprache, Werkzeuggebrauch, Kunst. Afrikaner und andere moderne Menschen können miteinander Nachkommen zeugen – deshalb gehören sie zur selben Art, wenn auch zu verschiedenen Rassen. Wenn Neandertaler an unserem Erbgut beteiligt sind, so sind sie demnach auch von unserer Art gewesen und bildeten keine gesonderte Menschenart. Sie sind lediglich eine entfernte Rasse gewesen.
Obwohl Afrika bereits sehr früh von Menschen besiedelt war, erkennt man auch, dass man in Afrika südlich der Sahara Zeugnisse alter Hochkulturen vergeblich sucht. Im Gegensatz dazu findet man in Nordafrika, beispielsweise in Ägypten, höchst beeindruckende Zeugnisse früher Kultur. Man könnte nun einmal rein hypothetisch behaupten, dass die Ägypter deshalb ihre beeindruckende Kultur hervorbringen konnten, weil sie mit Neandertalergenen ausgestattet waren und es heute noch sind. Ebenso trifft das für die Inkas oder Azteken in Süd- bzw. Mittelamerika zu. Inder, Chinesen, Europäer – alle zeichnen sich durch vergangene oder noch existierende Hochkulturen aus.
Ich hatte bereits an anderer Stelle die Vermutung begründet, dass die Kulturevolution dadurch in Gang gekommen war, weil sich ein zwanghaftes emotionales Antriebssystem dafür beim modernen Menschen gebildet hat und sich das aus der Vermischung der nördlichen Neandertaler mit Südmenschen als eine einfache und plausible – wenn auch rein hypothetische - Erklärung herleiten lies. Im Umkehrschluss müsste dieser genetisch angeborene kulturevolutionäre Antrieb den südlichen Afrikanern fehlen, was deren Abwesenheit von Hochkultur begründen würde. Bedenkt man, dass alle Hochkulturen bisher eine Blütezeit mit anschließendem Niedergang erlebten, wird sich eines Tages möglicherweise die afrikanische Lebensart als die überlebensfähigere herausstellen – aber auch das ist nur eine Hypothese.
Die Haut
Wenn man etwas über die Welt erfahren will, muss man die Haut fragen. Berührungsempfindliche Zellen ermöglichen uns, etwas zu betasten. Schleimhäute in Mund und Nase lassen uns etwas über die chemische Beschaffenheit der Luft oder dessen, was wir in den Mund genommen haben, erfahren. Die Netzhaut im Auge analysiert die Lichtstrahlen, die uns von fernen Objekten zugesandt werden. Schließlich hören wir die Schallwellen unserer Umgebung, weil sie unser Trommelfell in Schwingungen versetzen. Das sind alles Häute.Darüber hinaus besitzen wir eine innere Oberfläche. Wir atmen mit der Lunge. Wir speisen den Magen und den Darm mit Nahrung. Der stoffliche Austausch erfolgt über Häute.
Was ist an dieser Einsicht interessant? Daran interessant ist die Illusion, die wir verspüren, wir hätten Kontakt mit der Welt. Wir „werfen“ unseren Blick auf etwas. Wir hören etwas in der Ferne.
In Wirklichkeit sendet „uns“ unsere Körperoberfläche Signale, mit deren Hilfe unser Gehirn ein Modell unserer Umgebung konstruiert. Und dann kommt der „Beobachter im Gehirn“ (Buchtitel von Wolf Singer), der glaubt, die Welt zu sehen.
Wozu diese Spitzfindigkeiten? Wozu diese schöne Illusion zerstören? Was ist dieses „uns“, was ist das „ich“?
Interessant ist, obwohl wir dieses „ich“ nicht erklären können, dass es perzeptuelle Karten im Gehirn gibt, die Wahrnehmungen ganz speziell interpretieren. Erst daraus entstehen dann die Konzepte unserer Wahrnehmungen. So zeigt es der französische Neurobiologe Jean-Pierre Changeux in seinem bereits 1983 erschienenen Buch „L’homme neuronal“. In den fast 30 Jahren (wir schreiben das Jahr 2011) neurologischer Forschungsarbeit ist seitdem viel Detailgenauigkeit hinzugekommen, aber keine grundsätzlich andere Anschauung.
Wir setzen unser Weltbild demnach aus gefilterten Informationen zusammen, welche diese Karten liefern. Diese Filterergebnisse müssen während der Evolution wichtig gewesen sein, denn sonst würden sie anders funktionieren. Neben den bewusst wahrgenommenen Informationen spielen bekanntlich auch unbewusste Signale für uns eine Rolle. Über deren Wirkungen können wir nichts berichten, denn dann wären sie nicht unbewusst. Analog zu den perzeptuellen Karten existieren vermutlich auch Karten für unbewusste Steuerungsmechanismen. Solche Karten könnten auch für die uns umgebenden Lichtzyklen zuständig sein. Unser gesamtes Zeiterleben geht auf diese Lichtzyklen zurück. Vermutlich sind hierfür nur wenige spezialisierte Zellen zuständig. Empfangsorgan für die Lichtzyklen ist bekanntlich der SCN, der suprachiasmatische Nukleus.
Nachdem ich das Obige geschrieben hatte, las ich das Buch von Thomas Fuchs „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“. Fuchs übt ernste Kritik an der konstruktivistischen Sicht auf das Gehirn. Er legt dar, dass man das Gehirn nicht losgelöst vom übrigen Körper betrachten kann. Soweit würde das meiner obigen Betrachtung der Hautfunktionen entgegenkommen. Dann geht Fuchs aber noch einen Schritt weiter und bezieht die Umwelt in das Erleben mit ein. Das Bewusstsein ist dann überhaupt nicht mehr lokalisierbar. Das ist ein interessanter Denkansatz, dem ich mich gern anschließen werde.
Verstand - Vernunft
In seinem Buch „Gedankenmaterie“ stellt Jean-Pierre Changeux die Kant’schen Stufen der Rationalität den Organisationsniveaus im Nervensystem gegenüber. Kant erkannte die sinnliche Wahrnehmung als das Grundniveau, dem der Verstand und schließlich die Vernunft folgen. Bis zur sinnlichen Wahrnehmung ist es aus neurobiologischer Sicht ein Weg, der vom Atom über das Molekül und das Neuron zu einem ersten lokalen Schaltkreis führt, dessen Funktion mit der sinnlichen Wahrnehmung Kants vergleichbar ist. Es folgen schließlich ganze Ensembles von Neuronen, die den Verstand repräsentieren. Erst Ensembles von Ensembles ermöglichen die Vernunft. Changeux übersetzt gewissermaßen die Kant‘schen Niveaus in Gehirnniveaus. Während Verstand und Vernunft ziemlich abstrakte Begriffe sind, lassen sich Gehirnniveaus rein materiell als neuronale Netze beschreiben. Allerdings ist mit dieser Beschreibung noch nicht das Phänomen des Bewusstseins erklärt, das nach wie vor unbeantwortete Fragen aufwirft. Wolf Singer nannte sein Buch, das sich dieser Frage widmet „Der Beobachter im Gehirn“. „Wer“ der Beobachter im Gehirn aber ist, weiß nach wie vor niemand.Ensembles von Neuronen findet man auch bei Tieren, was den Gedanken nahe legt, dass auch ein Tier (jedenfalls eins mit Gehirn) Verstand besitzt. Weil landläufig Verstand und Vernunft synonym angewandt werden, fällt einem gefühlsmäßig dieses Zugeständnis schwer.
Ich möchte dies am Betrachten der Sonne erklären. Höher entwickelte Tiere sehen die Sonne genauso wie wir. Sie sehen, wie die Sonne früh aufgeht, über den Himmel zieht und abends wieder untergeht. Das Tier ist aber nicht in der Lage, diesen Vorgang vernünftig zu erklären. Es gab keinen tierischen Kopernikus, der vernunftbegabt herausfand, dass sich nicht die Sonne um die Erde bewegt, sondern die Erde sich um die Sonne und zusätzlich um sich selbst dreht. Trotzdem verhält sich das Tier sinnvoll in Abhängigkeit vom Sonnenstand, je nach seiner Art, tag- oder nachtaktiv zu sein. Es verhält sich, als hätte es Verstand.
Ein Philosoph fragte: „Warum glaubten die Menschen einst, die Sonne würde sich um die Erde drehen?“. Man antwortete ihm: „Weil es so aussieht, als würde sich die Sonne um die Erde drehen“. Daraufhin der Philosoph: „Ja, wie hätte es denn ausgesehen, wenn es so ausgesehen hätte, als würde sich die Erde um sich selbst drehen?“. Das Problem ist der Beobachter im Gehirn. Er nimmt eine zentrale Stellung in seiner Welt ein. Erst wenn ein anderer Beobachter diesen Beobachter bei seiner Beobachtung beobachtet ist diese zentrale Position aufgehoben.
Ensembles von Neuronen verknüpfen sich, wenn bestimmte Signale häufig gleichzeitig im Gehirn eintreffen. Einen Hinweis darauf hatte bereits Pawlow mit seinen berühmten Hundeexperimenten gefunden. Wenn immer dann ein Glöckchen läutet, wenn den Tieren Futter verabreicht wird, dann speicheln die Tiere nach einer gewissen Lernphase bereits dann, wenn nur das Glöckchen läutet. Angesichts von Futter ist Speicheln ein angeborener (unbedingter) Reflex. Das Hören eines Glöckchens hat bei diesen Tieren einen bedingten Reflex hinzugefügt. Man könnte auch sagen, dass die Hunde „verstanden“ haben, dass das Glöckchen Futter ankündigt. Man kann aber gewiss nicht behaupten, dass die Hunde das Pawlow’sche Experiment „vernünftig“ erklären können.
Über die Begriffe „Verstand“ und „Vernunft“ haben sich die Philosophen ausgiebig Gedanken gemacht. Im philosophischen Sinn ordnet man Tieren keinen Verstand zu. Neurologisch betrachtet, könnte man aber dazu neigen. Und wenn es nur dazu dient, die Begriffe logischer und funktionaler als bisher zu definieren.
Descartes hat den Begriff „Vernunft“ sehr schön aber auch sehr radikal definiert. Er verlangt von der Vernunft „Begründungen und Rechtfertigungen, die nicht auf Autoritäten, Traditionen und Erfahrungen vertrauen“.
Aber geht das überhaupt? Baut nicht unser gesamtes Denken auf Autoritäten, Traditionen und Erfahrungen auf? Reicht es, dieses Denken nochmals zu durchdenken und weitere Begründungen und Rechtfertigungen zu suchen? Ich glaube nicht, dass das ausreicht. Wenn wir etwas Vernünftiges über die Welt erfahren wollen, müssen wir unser Weltbild selbst testen. Nur eigene praktische Experimente können unser traditionelles Weltbild bestätigen oder widerlegen. Indem durch Tests Illusionen ausgeschlossen werden können, gewinnen vernünftige Begründungen und Rechtfertigungen mehr und mehr die Oberhand.
Vergegenwärtigt man sich, wie Ensembles von Neuronen entstehen, dann wird einem sofort klar, dass Vernunft dabei noch keine Rolle spielt. Ensembles von Neuronen entstehen durch die Hebb’sche Lernregel: „Neurons wire together, if they fire together“. Alle Lernleistungen von Gehirnen gehen auf diesen Mechanismus zurück. So entsteht das Verstehen von Ursache und Wirkung. Gleichzeitige, oder zumindest in engem (max. 5 Sec.) zeitlichen Zusammenhang wahrgenommene Sinneseindrücke werden als Ursache und Wirkung verstanden. Das ist nicht erst beim Menschen so.
Aber beim Menschen tritt ein weiteres Niveau hinzu, nämlich die Verknüpfung von Ensembles von Neuronen. Es entstehen Ensembles von Ensembles von Neuronen. Dazu muss man über das nachdenken, was man in seiner Erinnerung als sinnliche Wahrnehmung bereits gespeichert hat. Man muss zwei oder mehrere Ensembles von Neuronen erneut „feuern“ (fire) lassen und sie dadurch miteinander zu einem Ensemble von Ensembles „verdrahten“ (wire). So kann man feststellen, ob man die Wahrnehmungen in einen vernünftigen Zusammenhang gebracht hat. (Unvernünftig zusammengestellte Wahrnehmungen führen gelegentlich zum Aberglauben, nämlich dann, wenn an einem unvernünftigen Zusammenhang festgehalten wird.)
Alter - Ego
Man braucht ja nicht unbedingt die schwierigen Schriften von Niclas Luhmann studiert zu haben, um einzusehen, dass Kommunikation aus Mitteilen und Verstehen besteht. Alter teilt mit und Ego versteht. Kommunikation verläuft hin und her, was zur Folge hat, dass mal der Eine, mal der Andere die Rolle von Alter einnimmt und auch die Rolle von Ego hin und her wechselt. Bereits Talcott Parsons fand diese „doppelte Kontingenz“ beim gegenseitigen Mitteilen und Verstehen und Luhmann übernahm diese Betrachtungsweise und arbeitete sie in seine Systemtheorie ein.Für mich folgen daraus die folgenden Überlegungen:
Man kann eine Information auf einen Zettel schreiben, aber erst wenn jemand den Zettel liest und die Information versteht, ist die Information zur Mitteilung geworden. Der Sinn der Information muss verstanden werden. Als Mitteilung verständlich ist eine Information oft erst in einem Zusammenhang, den Ego bereits kennt. Einem Fremden, dem der Zettel in die Hände fällt, erschließt sich der Sinn der Aufschrift möglicherweise nicht. Psychologen nennen das den gemeinsamen Hintergrund.
Hier wird die Sache philosophisch. Steckt der Sinn in der Information? Offenbar nicht, denn sonst würde jeder mit der Information auf dem Zettel etwas anfangen können - kann er aber nicht. Jemand, der den Zettel liest, interpretiert die Information und gibt ihr dadurch erst einen Sinn. Dieser Sinn muss dann aber nicht mehr genau derselbe Sinn sein, den der Schreiber des Zettels mitteilen wollte. Deshalb muss zwischen Alter und Ego unterschieden werden. Ebenso steckt der Sinn bei einer mündlichen Kommunikation nicht in den Schallwellen der hörbaren Worte und Sätze, sondern der Sinn der Worte verbleibt bei Alter im Kopf und bildet sich neu in Egos Gehirn.
Verlassen wir nun diese Art der Kommunikation und wenden uns den Informationen der Erbmoleküle zu. Was teilt die DNS mit? Kann sie überhaupt etwas mitteilen oder ist sie lediglich eine Information (in einer Form befindliche Materie) ohne Sinn? Nach dem bisher Gesagten, muss der Sinn der Information erst wieder neu interpretiert werden, weil ein Informationsträger nicht den „Sinn an sich“ übertragen kann. Sinn an sich gibt es offenbar überhaupt nicht. Die Erbsubstanz DNS ist also kein Architektenplan, keine „Blaupause“ für ein Wesen, sondern sie gleicht eher einem Kochrezept. Darauf wies bereits Richard Dawkins in seinem Buch „Der blinde Uhrmacher“ hin.
Die Flügel eines Vogels wachsen anerkanntermaßen aufgrund der Informationen, die in den Erbmolekülen des Vogels stecken. In den Flügeln erkennen wir den Sinn, dass der Vogel damit fliegen kann. Das bedeutet aber, dass die Flügel eine Interpretation der genetischen Information sind und erst so ihren Sinn bekommen. Ebenso ist das Verhalten des Vogels, seine Flügel zum Fliegen zu benutzen, eine Interpretation seiner Gene. Laufvögel, wie Emus oder Strauße, benutzen ihre Flügel nicht zum Fliegen, wodurch die Flügel ihren ursprünglichen Sinn verloren haben.
Ein Denkfehler liegt offenbar darin, den Dingen der Natur überhaupt einen Sinn zuzuschreiben. Einen Sinn fügen wir unseren Denkkonstruktionen hinzu. Der betrachtete Vogel besteht als Ganzes und verhält sich als Ganzes. Erst wenn wir gedanklich seine Flügel abtrennen, bekommen diese einen eigenständigen Sinn zugewiesen. Wenn man die Erbinformation untersucht, macht man dann noch einmal den Fehler, diese Kette von Molekülen aufzuteilen und diesen Sequenzen einen Sinn zuzuordnen. So funktioniert die Natur aber offenbar nicht.
Allerdings muss man zugeben, dass man, nachdem man einen eigenständigen Sinn vom Ganzen abgetrennt hat, diesen Sinn verändern kann. Das ist das Betätigungsfeld der Pflanzen- und Tierzüchter oder in neuerer Zeit der Gentechnik. Es stellen sich aber auch andere, ungewollte Nebeneffekte ein. Das aber nur nebenbei.
Kommen wir zurück zu Alter und Ego. Wo findet außer bei der menschlichen Kommunikation Mitteilen und Verstehen statt? Das Kopieren von Informationen bedeutet jedenfalls weder Mitteilen noch Verstehen. Heißt das, dass die gesamte bisherige Evolution ohne Sinn vonstattengegangen ist? Ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei, dass so verstehen zu müssen.
Wie funktioniert denn die Selektion während der Evolution, wenn sie sich nicht an einem Sinn orientiert? Wie konnte sich ein aerodynamisch optimaler Flügel eines Vogels bilden, wenn nicht auf diesen Sinn hin selektiert wurde? Die Antwort ist ganz einfach. Es stirbt ja nicht der Flügel, sondern es stirbt immer der gesamte Vogel, wenn seine Flügel beispielsweise schlechter zur Flucht vor einem Fressfeind geeignet sind, als die eines Artgenossen, dem die Flucht gelingt. Selektion trifft nie allein die aussterbenden Eigenschaften, sondern immer das Individuum mit ungeeigneten Eigenschaften insgesamt. Und mit dem Individuum geht auch seine Erbinformation zugrunde. Auf diese Art optimieren sich alle Teile des Ganzen, ohne dass jemals irgendein Sinn eine Rolle dabei spielt. Sinngebungen sind nur Ideen unserer gedanklichen Konstruktion über die Wirklichkeit.
Wenn es keinen Sinn in der Natur gibt, wie können dann Kommunikation und Kooperation in Ökosystemen stattfinden, so wie sie Lynn Margulis in der Gaia-Hypothese zu den Grundlagen erhebt? Wenn sinnbehaftete Kommunikation den Menschen vorbehalten ist, muss es in der Natur anders funktionieren. Kooperation und Koevolution gehen zwar auf Informationsaustausch zurück, aber diese Informationen werden nicht einem Sinn entsprechend mitgeteilt und verstanden. Informationen liefern in der Natur immer nur einen Reiz, der eine Reaktion auslöst. Ist das nicht Behaviorismus, den wir eigentlich ablehnen wollten?
Was teilt eine Biene ihren Volksgenossinnen mit, wenn sie ihren Schwänzeltanz aufführt? Sie teilt ganz offensichtlich mit, wo reichlich Blütennektar zu finden ist und die anderen Bienen haben diese Information verstanden und fliegen daraufhin zu der mitgeteilten Fundstelle. Aber wie viel Interpretationsfreiheit obliegt den Bienen für die empfangene Information? Ich vermute gar keine. Auch diese Informationsweitergabe ist ein, wenn auch sehr kompliziertes, Reiz-Reaktions-Muster.
Warum ist dann aber die Informationsweitergabe beim Menschen so anders, als bei allem, was es bisher auf der Welt gab? Liegt es nur daran, dass wir es selbst sind, die wir uns selbst beobachten? Ist durch den Menschen Sinn in die Welt gekommen oder ist Sinn auch für uns nur eine Illusion? Sind wir auch nur Reiz-Reaktions-Automaten?
Betrachten wir nochmals die Bienensprache. Im Gegensatz zur menschlichen Sprache ist die Bienensprache angeboren. Jedes Zeichen ihrer Sprache hat eine ganz bestimmte Bedeutung, die nicht interpretationsfähig ist. Menschen müssen ihre Sprache erst lernen, sie müssen lernen, einen Sinn zu interpretieren. Menschen müssen die Rollen von Alter und Ego lernen. Und im offenbaren Gegensatz zu den Tieren, können sie das auch.
Die Frage ist nun, sind wir wirklich frei bei der Interpretation von Mitteilungen oder bilden wir uns das nur ein? Vielleicht läuft im unbewussten Teilunseres Gehirns ein starres Reiz-Reaktions-Schema ab. Nur das bewusste Denken gaukelt uns vor, freie Entscheidungen zu treffen. Aber sind diese Entscheidungen nicht lediglich das Ergebnis von Hirnfunktionen, auf die wir in Wirklichkeit gar keinen Einfluss haben? Prominente Hirnforscher – beispielsweise Wolf Singer - sehen das so.
Aber – und nun kommt das große Aber. Die Interpretationen von Mitteilungen werden immer im Zusammenhang mit bereits vorhandenen Hirninhalten durchgeführt. Die Honigbienen tun das genauso, nur sind deren interpretierende Hirninhalte bereits angeboren. Der Mensch besitzt ebenfalls angeborene Hirninhalte. Beim Menschen kommen aber individuell erlernte Hirninhalte hinzu. Der Mensch kann sich auf möglicherweise kommende Umstände gedanklich schon einstellen, bevor sie wirklich eintreten. Hat er das nicht getan, ist er seinen unbewussten Hirnfunktionen alternativlos ausgeliefert. Das meinen die eben erwähnten Hirnforscher und ziehen daraus den Schluss, dass der Mensch eigentlich gar nicht für seine Handlungen verantwortlich gemacht werden kann. Sie vernachlässigen dabei aber die Möglichkeit, dass der Mensch zuvor hätte Alternativen durchdenken können. Die Betonung liegt auf „zuvor“.
Und hier beginnt der Bereich der menschlichen Ethik. Man kann nicht spontan und plötzlich ethisch richtig handeln, weil das das Gehirn nicht steuern kann. Aber es gehört zu einem verantwortungsbewussten Menschen dazu – und das kann man verlangen – dass er sich über grundsätzliche ethische Fragen Gedanken macht, bevor der Ernstfall eintritt. Diese Forderung ist nicht neu und sie wird bereits in der Prometheus-Sage thematisiert (Prometheus – der Vorausdenkende).
Juristen bewerten Straftaten im Affekt milder, als vorsätzliche Verbrechen. Dadurch wird dem Gesagten bereits entsprochen. Weiterhin wird in Strafprozessen oft die geistige Reife eines Menschen bei der Beurteilung hinzugezogen. Man fragt sich, was derjenige sich bei seinen Handlungen eigentlich gedacht hat. War er sich überhaupt bewusst, etwas Unrechtes zu tun? Zum Maßstab wird dadurch nicht mehr, was Alter mitteilt – in dem Fall ist Alter das Gesetz – sondern was Ego verstanden hat. Ego ist in diesem Fall der Angeklagte. Und deshalb treten plötzlich Fragen nach dem sozialen Milieu, der Kindheit, der Erziehung etc. in den Blickpunkt, um zu klären, ob der Angeklagte überhaupt die Chance hatte, ethische Gesichtspunkte in sein Handeln mit einzubeziehen.
Nun aber zurück zum eigentlichen Thema. Alter wird nur dann Ego etwas mitteilen, wenn er erwarten kann, dass er verstanden wird. Alter muss sich in Ego hineinversetzen können. Ego kann Alter nur verstehen, wenn sich auch Ego in Alter hineinversetzen kann. Also muss Alter auch von Ego erwarten, dass sich Ego in Alter hineinversetzen kann. Und da eine Kommunikation nur aufrechterhalten bleiben kann, wenn Alter und Ego hin und her wechseln, müssen sich beide wechselseitig ineinander hineinversetzen können. Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, dass du weißt . . . . . . . . , dass ich mich in dich hineinversetzen kann.
Wenn sich alle gegenseitig ineinander hineinversetzen können, folgt dann die „Goldene Regel“ der Ethik nicht ganz automatisch, die da lautet: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu“? Diese Regel stellen alle Religionen sinngemäß an den Anfang ihrer ethischen Grundsätze. Warum waren dann aber Religionsstifter nötig, wenn diese ethische Grundregel automatisch aus dem gegenseitigen Verstehen folgt? Die Antwort scheint wohl recht einfach zu sein. Weil sich Menschen offenbar doch nicht immer gegenseitig verstehen können. Da wären zunächst die Sprachbarrieren. Aber da sind auch die verschiedenen Weltanschauungen. Da sind verschiedene Sitten und Gebräuche. Menschen stammen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und denken deshalb unterschiedlich. Gegenseitiges Verstehen folgt nicht automatisch und deshalb muss es ihnen von denen beigebracht werden, die dieses gegenseitige Verstehen besser als andere können. Alter und Ego – beide Rollen muss man können.
Die Steiner’schen Leiber
Während einer Diskussion über die Unmöglichkeit einer Kausalbeziehung zwischen Planeten und menschlichen Schicksalen - dem Standpunkt, den ich aus vielen, nicht nur aus physikalischen Gründen vertrat - und der gegenteiligen Meinung, für die sich ein Anthroposoph einsetzte, tauchte der Begriff „Astralleib“ auf. Das Wort „astral“ sagt etwas über die Beziehung zu den Himmelskörpern aus. Nicht erst Rudolph Steiner, der Begründer der Anthroposophie, benutzte die Vorstellung von einem Astralleib. Astralleib ist das Synonym für eine Seele, die nach dem Tod, losgelöst vom Körper, durch die Räume des Weltalls schwebt und dort außerirdische Erfahrungen einfängt. In die Reinkarnation eines neuen Wesens bringt diese Seele dann ihre außerirdischen Erfahrungen ein – also auch die Kenntnis über die Planetenbewegungen - so in etwa die Erklärung des Anthroposophen.Ich bin ja auch der Meinung, dass alle Lebewesen eine „astrale Seele“ (die Anführungszeichen sind zu beachten) besitzen, aber keine dieser anthroposophisch beschriebenen Art, die unabhängig und losgelöst vom Körper existieren kann. Warum werden wir denn abends müde und früh sind wir ausgeschlafen? Das ist doch eine Verhaltensanpassung an den Rhythmus von Tag und Nacht. Wir haben gewissermaßen den Lauf der Sonne in unsere Seele eingebaut bekommen. Dazu bedarf es aber keines Besuchs dieser Seele zuvor bei der Sonne, denn das Hell und Dunkel von Tag und Nacht ist eine irdische Erscheinung und die wird uns jeden Tag durch unsere Augen mitgeteilt. Auch der Mond, der je nach Mondphase mal heller und mal dunkler in der Nacht scheint, vermittelt seine kosmische Bewegung unseren Augen. Bei vielen Tierarten – und warum nicht auch bei uns? – sind die regelmäßigen Lichtzyklen der Mondphasen Bestandteile ihres „Astralleibs“.
Es gibt triftige Gründe für die Lebewesen, die Lichtzyklen der Sonne und des Mondes beim Verhalten zu beachten, denn sie signalisieren den Lebewesen die gewaltigen Umweltveränderungen, die sich als Folge der kosmischen Bewegungen auf der Erde ereignen. Die Tage, die Gezeiten, Nipp- und Springtiden und die Jahreszeiten rufen vielerorts derart dramatische Umwälzungen hervor, dass ihre Nichtbeachtung lebensbedrohlich wäre. Auch Lebewesen mit friedlicheren Umweltbedingungen hatten Vorfahren, denen es nicht so gut ging. Von ihnen stammt nach wie vor das Erbe ihres „Astralleibs“.
Dagegen sind Einflüsse der Planeten auf unsere irdischen Umweltverhältnisse überhaupt nicht spürbar und waren das auch noch nie, weshalb eine Verhaltensanpassung an deren Lauf nicht plausibel wäre. Der „Kosmos“ in uns und auch in den anderen Lebewesen ist also kein mysteriöser Astralleib, sondern es sind die natürlichen Verhaltensprogramme, die an die zyklischen Umweltveränderungen angepasst sind. Diese Umweltveränderungen werden vom Licht der Sonne und des Mondes angezeigt und sind ihrer Zyklen wegen vorhersehbar.
Rudolph Steiner unterschied drei Leiber – unseren Körper den er physischen Leib nannte - den soeben besprochenen Astralleib – und einen Geistleib. Wenn wir gestorben sind und sich der physische Leib wieder in seine Bestandteile auflöst, bleiben viele unserer geistigen Leistungen erhalten. Daran ist aber nichts Mysteriöses, denn ebenso, wie keine Seele unseren Körper verlässt, so verlässt uns kein wie auch immer gearteter Geist. Einsteins Relativitätstheorie, Goethes Faust, Beethovens Neunte Symphonie, Omas Kochrezepte, Dudens „Duden“ – tausende Stichworte könnte man nennen, und jedes würde sofort die geistige Leistung dahinter erkennen lassen. Hier finden wir einen deutlichen Unterschied zu allen anderen Arten von Lebewesen und hier kann ich Rudolph Steiner und seiner anthroposophischen Lehre zustimmen, die den Menschen nicht nur als bloße Fortsetzung der Evolution versteht, sondern ihn als etwas Einzigartiges beschreibt. Vor dem Menschen war die Evolution immer nur durch die Variation von genetischem Material und dessen natürlicher Selektion gekennzeichnet gewesen. Erst der Mensch brachte einen inneren Antrieb zu einer memetischen Evolution hervor, denn Omas Kochrezepte und all die anderen geistigen Informationen sind solche Meme, die genauso wie Gene von Generation zu Generation „vererbt“ werden.
(Der Begriff „Mem“ stammt von Richard Dawkins, dem eifrigsten Vertreter der Darwin’schen Evolutionstheorie der Jetztzeit und ist eine Wortkonstruktion aus Gen und Memory)
Diese Einzigartigkeit des Menschen liegt aber nicht an einem mysteriösen „Geistleib“, sondern der Mensch brachte eine memetische Verhaltensebene hervor. Der Mensch stirbt nicht alsbald, nachdem er sich fortgepflanzt hat, sondern er fungiert noch ein Leben lang als Informationsspeicher für die nachfolgenden Generationen. Die Summe aller dieser dadurch weitergereichten Informationen nennen wir Kultur.
Während der Evolution von den einfachsten Lebensformen bis hin zu den Komplexeren ist nie etwas aus dem Nichts entstanden, sondern immer wurde etwas bereits Vorhandenes besser oder anders genutzt. Auch dieses neuartige Verhalten zugunsten der memetischen Evolution – oder Kulturevolution - kann nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sein, sondern es konnte sich nur etwas Vorhandenes zu dieser neuen Funktionsweise verwandelt haben. Und hier kommen wir zurück zu Steiners „Astralleib“ – sprich: Unser - kosmisch verursachtes - zeitzyklisch angepasstes Verhalten. Alle unsere angeborenen Triebe, die uns zur Weitergabe unserer Gene durch generative Fortpflanzung verpflichten, treiben uns besonders in der zweiten Lebenshälfte in gleicher Weise dazu an, unsere Meme fortzupflanzen. Ein unbändiger Antrieb, Eifersucht und Rivalenkämpfe tauchen hier genauso wieder auf, wie sie bereits in der ersten Lebenshälfte den eigenen Genen zur Fortpflanzung verholfen haben. Dazu bedarf es keines mysteriösen Geistleibes, sondern das ist aus der Geschichte der menschlichen Evolution erklärbar.
Die Steiner‘sche Dreiteilung des Menschen ist deshalb ebenso verzichtbar, wie die Descartes‘sche Dualität von Körper und Seele. Solange wir am Leben sind, gehören Gefühle und Denkvorgänge als dessen Funktionen zum Körper dazu. Sie bilden eine unteilbare Einheit. Wenn das Leben zu Ende gegangen ist, streunen auch keine entschlüpften Seelen oder Geister mehr durch die Welt; es sei denn, man fasst diese Vorstellung von Astral- und Geistleib als Metapher auf, denn unsere Gene leben weiter in unseren Kindern und Enkeln und unsere Meme leben weiter, solange sich jemand an sie erinnert. Für beides müssen wir etwas tun, das ist der Sinn des Lebens.
Die Anthroposophie kann im Übrigen aus einem anderen, triftigen Grund nicht als Wissenschaft anerkannt werden. Sie erfüllt ein wichtiges Kriterium nicht, nämlich, dass alle Erkenntnisse grundsätzlich für jedermann zugänglich sein müssen. Die Berufung auf besondere Fähigkeiten eines „Sehers“, wie Steiner von seinen Anhängern betrachtet wird, schließt die Anthroposophie aus dem Kreis der Wissenschaften aus. Selbstverständlich muss man sich auf die Ehrlichkeit der Wissenschaft verlassen können und den Aussagen vertrauen dürfen, aber Vertrauen kann immer nur auf Überprüfbarkeit aufgebaut sein.
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Jupiters Karriereende
Würde man einen Astrologen fragen, woher zwölfjährige Zyklen in den Zeitläufen der Menschen kommen, so würde er nicht zögern und sofort den Planeten Jupiter als Verursacher nennen. Vermutlich war es auch diese zwölfjährige Dauer von Jupiters Lauf durch den Tierkreis, der ihm zu solch hohem Rang in der aus den Himmelsbeobachtungen konstruierten Götter- und Sagenwelt des klassischen Altertums verhalf. Dass Jupiter der größte und massereichste aller Planeten ist, konnte man damals noch nicht wissen. Dieses Wissen haben „moderne“ Astrologen erst später in ihre Konzepte eingebaut, als Jupiter bereits auf dem Gipfel seiner Karriere stand. Aber dieses Wissen nützt den Astrologen nichts, denn Jupiter ist von der Erde so weit entfernt – und die Entfernung geht nun einmal quadratisch in die Fernwirkung einer Masse ein – dass ein Zusammenhang zwischen Jupiters zwölfjährigem Umlauf und zwölfjährigen Erscheinungen auf der Erde nicht ursächlicher Art sein kann. Es ist schlicht eine zufällige ungefähre Übereinstimmung.
Gibt es überhaupt zwölfjährige Erscheinungen auf der Erde? Die chinesische Kultur und Zeitrechnung geht ganz selbstverständlich davon aus, ohne Jupiter dafür verantwortlich zu machen. Nach Ansicht der Chinesen war es Buddha höchstpersönlich, der ihren zwölfjährigen Tierkreis geschaffen hat. Grundlage ihrer Zeitrechnung ist ein Lunisolarkalender, ein an das Sonnenjahr gebundener Mondkalender. Damit lässt sich aber auch kein zwölfjähriger Zyklus erklären, denn die Bindung des Mondkalenders an den Sonnenkalender erfolgt gemäß dem neunzehnjährigen Metonischen Zyklus – oder Lunisolarzyklus.
Wenn wir nun aber weder an geheimnisvolle Kräfte Jupiters noch an ebensolche Buddhas glauben wollen, bleibt uns entweder die Möglichkeit, zwölfjährige Zyklen als überhaupt nicht existierend zu betrachten oder eine plausible Erklärung zu finden. Die erste – phantasielos negierende – Möglichkeit wählen solche Zeitgenossen, die damit Jahrhunderte alte kulturelle Überlieferungen arrogant über Bord werfen und reichhaltige Beobachtungen unserer Vorfahren als Hirngespinste abqualifizieren. Ich bin den zweiten Weg gegangen und habe nach einer plausiblen Erklärung für zwölfjährige Zyklen gesucht – und auf erstaunlich einfache Weise gefunden. Der Lunisolarkalender hat in Kombination mit der gegenseitigen sozialen Beeinflussung der Menschen untereinander und der sozialen Kognition die Lösung gebracht. Damit ist Jupiters Karriere beendet – aber zwei "Frauen", nämlich die Sonne und Frau Luna („der“ Mond) nehmen nun seine Führungsrolle ein.
Jupiters Karriereende
Würde man einen Astrologen fragen, woher zwölfjährige Zyklen in den Zeitläufen der Menschen kommen, so würde er nicht zögern und sofort den Planeten Jupiter als Verursacher nennen. Vermutlich war es auch diese zwölfjährige Dauer von Jupiters Lauf durch den Tierkreis, der ihm zu solch hohem Rang in der aus den Himmelsbeobachtungen konstruierten Götter- und Sagenwelt des klassischen Altertums verhalf. Dass Jupiter der größte und massereichste aller Planeten ist, konnte man damals noch nicht wissen. Dieses Wissen haben „moderne“ Astrologen erst später in ihre Konzepte eingebaut, als Jupiter bereits auf dem Gipfel seiner Karriere stand. Aber dieses Wissen nützt den Astrologen nichts, denn Jupiter ist von der Erde so weit entfernt – und die Entfernung geht nun einmal quadratisch in die Fernwirkung einer Masse ein – dass ein Zusammenhang zwischen Jupiters zwölfjährigem Umlauf und zwölfjährigen Erscheinungen auf der Erde nicht ursächlicher Art sein kann. Es ist schlicht eine zufällige ungefähre Übereinstimmung.
Gibt es überhaupt zwölfjährige Erscheinungen auf der Erde? Die chinesische Kultur und Zeitrechnung geht ganz selbstverständlich davon aus, ohne Jupiter dafür verantwortlich zu machen. Nach Ansicht der Chinesen war es Buddha höchstpersönlich, der ihren zwölfjährigen Tierkreis geschaffen hat. Grundlage ihrer Zeitrechnung ist ein Lunisolarkalender, ein an das Sonnenjahr gebundener Mondkalender. Damit lässt sich aber auch kein zwölfjähriger Zyklus erklären, denn die Bindung des Mondkalenders an den Sonnenkalender erfolgt gemäß dem neunzehnjährigen Metonischen Zyklus – oder Lunisolarzyklus.
Wenn wir nun aber weder an geheimnisvolle Kräfte Jupiters noch an ebensolche Buddhas glauben wollen, bleibt uns entweder die Möglichkeit, zwölfjährige Zyklen als überhaupt nicht existierend zu betrachten oder eine plausible Erklärung zu finden. Die erste – phantasielos negierende – Möglichkeit wählen solche Zeitgenossen, die damit Jahrhunderte alte kulturelle Überlieferungen arrogant über Bord werfen und reichhaltige Beobachtungen unserer Vorfahren als Hirngespinste abqualifizieren. Ich bin den zweiten Weg gegangen und habe nach einer plausiblen Erklärung für zwölfjährige Zyklen gesucht – und auf erstaunlich einfache Weise gefunden. Der Lunisolarkalender hat in Kombination mit der gegenseitigen sozialen Beeinflussung der Menschen untereinander und der sozialen Kognition die Lösung gebracht. Damit ist Jupiters Karriere beendet – aber zwei "Frauen", nämlich die Sonne und Frau Luna („der“ Mond) nehmen nun seine Führungsrolle ein.
Der Barnum-Effekt
Schon mal was vom Barnum-Effekt gehört? Phineas Taylor Barnum war ein geschäftstüchtiger Mann. Er gründete zunächst einen Zirkus und übernahm im Jahr 1841 dann das American Museum in New York und baute es zu einem der größten Unterhaltungsspektakel des 19. Jahrhunderts aus. Das Museum besaß kurioseste Sammlungen von allem, was irgendwie interessant sein konnte. Deshalb fand sein Name als Synonym Eingang in die Psychologie und steht für „von allem etwas“.Eine Persönlichkeitsbeschreibung, die „von allem etwas“ hat, spricht natürlich auch alle mehr oder weniger an. Charaktere sind aber gerade das Gegenteil von einem Sammelsurium menschlicher Eigenschaften. Durch die verschiedenen Charaktere unterscheiden sich die Menschen voneinander. Vernünftige Beschreibungen arbeiten deshalb diese Unterschiede heraus, wenngleich sich der Barnum-Effekt nicht vollständig ausschließen lässt, weil man Elemente seiner eigenen Persönlichkeit auch in anderen Schilderungen finden kann.
Um den Barnum-Effekt zu beweisen, führte der Psychologe Bertram R. Forer folgenden Test durch.
Originaltext Wikipedia: „….Forer gab 1948 vor, einen Persönlichkeitstest mit seinen Studenten durchzuführen. Im Anschluss händigte er ihnen vorgeblich die Auswertungen aus und forderte sie auf, den Wahrheitsgehalt mit Werten von 0 (= trifft gar nicht zu) bis 5 (= trifft sehr gut zu) zu bewerten. Das Ergebnis war, dass der durchschnittliche Student der Auswertung 4,26 Punkte gab.
Groß war die Überraschung, als den Studenten eröffnet wurde, dass alle den exakt gleichen Text zu bewerten hatten, den Forer aus einem am Kiosk erhältlichen Horoskop zusammengestellt hatte. Seither wurde der Test –mit dem gleichen Text– unzählige Male wiederholt. Der Durchschnittswert pendelte dabei immer um den Wert 4.“
Die Tatsache des Barnum-Effektes bei der Beurteilung von Horoskopen stellt aber die astrologische Praxis nicht grundsätzlich ad absurdum, denn seriös angefertigte Charakterbeschreibungen haben nicht „von allem etwas“, sondern unterscheiden sich in typischer Weise.
Ich selbst habe einen Test mit Texten aus der Charaktersammlung von Walter A. Appel „Im Zeichen des Mondes“ durchgeführt und diesen als doppelten Blindtest angelegt. Es wurde nicht die Frage gestellt, wie gut man sich in einer vorgelegten Beschreibung wiedererkennt (da könnte der Barnum-Effekt eintreten), sondern es sollte eine astrologisch ermittelte Charakterbeschreibung mit einer zufällig ausgelosten anderen Beschreibung aus dieser Sammlung verglichen werden und die als besser zutreffend empfundene gekennzeichnet werden. Wenn der Beurteilung lediglich der Barnum-Effekt zugrunde liegen würde, wären die astrologisch ermittelten und die zufällig ausgelosten Charakterbeschreibungen annähernd gleich oft ausgewählt worden. Der Test zeigte jedoch ein deutliches Übergewicht von etwa 70 Prozent zugunsten der astrologisch ermittelten Charakterbeschreibungen. Das kann kein Zufall sein. Zweifellos ist der Barnum-Effekt nicht zu leugnen, aber er ist kein Beweis für die Sinnlosigkeit astrologisch ermittelter Charakterbeschreibungen, jedenfalls nicht für seriös angefertigte. Für die „Treffsicherheit“ der Horoskope in den Boulevardzeitungen ist der Barnum-Effekt ganz gewiss die Ursache.
Münchner Rhythmenlehre
Vor vielen Jahren war ich von dem klangvollen Namen „Münchner Rhythmenlehre“ angelockt worden, weil ich mich ja auch mit Rhythmen beschäftigte. Das daraufhin gekaufte Buch des Autors Wolfgang Döbereiner steht zwar immer noch inzwischen verstaubt in meinem Bücherregal, trug aber zur Aufklärung nicht bei. Dabei hatte Döbereiner möglicherweise einen recht interessanten Ansatz gefunden, der allerdings aus dem Buch nicht herauslesbar war. Er beschrieb einen siebenjährigen Rhythmus, der sich rückwärts durch das astrologische Häusersystem bewegt und einen zehnjährigen Rhythmus, der sich vorwärts dreht. Die Parallele zu meiner nichtastrologischen Theorie ist auffallend.
In meiner bewegten Simulation drehen sich die zwölf Farben der neunzehn Kugeln auch siebenjährig rückwärts. Bei Betrachtung der fünf chinesischen Elemente entdeckte ich, dass man die Simulation auch so gestalten kann, dass sich fünfmal die Farben vorwärts drehen, wobei dann immer in zwei aufeinander folgenden Jahren dieselbe Farbe erscheint, was sowohl zum chinesischen System passt, als auch zu einem zehnjährigen Rhythmus führt. Das liegt an dem Verhältnis der ganzen Zahlen 19, 12 und 7 zueinander. Da sich Döbereiner an sich von astrologischen Betrachtungsweisen nicht getrennt hat, habe ich von einer Kontaktaufnahme natürlich abgesehen.
Karl Kraus sagte einmal: „Ein Gedanke gehört nicht dem, der ihn zuerst hatte, sondern dem, der ihn besser hatte“. Und „besser“ heißt doch auch, dass man seinen Gedanken erklären und begründen kann.
Die „Macht“ des Mondes
Die Kraft unseres Mondes ist gewaltig, vergleicht man sie mit anderen Objekten am Himmel, fernen Sternen oder den Planeten – die Sonne ist natürlich konkurrenzlos ausgenommen. Trotzdem ist die Kraft des Mondes eigentlich sehr gering. Der Mond knetet unsere Erde, die im Untergrund aus flüssigem Magma und an der Oberfläche zum größten Teil aus flüssigem Wasser besteht, permanent durch. Das sind die Gezeitenkräfte, die uns an den Meeresküsten spektakulär vor Augen geführt werden. Aber auch die dünne Erdkruste, die auf ihrem flüssigen Untergrund schwimmt, wird regelmäßig verformt. Davon spüren wir allerdings nichts.
Nun gibt es Leute, die meinen, wenn der Mond solche gewaltigen Massen bewegen kann, dann müsste er doch auch das Wasser in unseren Körperzellen beeinflussen und deshalb eine Wirkung auf unser Befinden ausüben können. Welch ein Unsinn! Wäre dies der Fall, dann müsste jeder Dorfteich, jedes minimale Gewässer im Rhythmus der Gezeiten hin und her schwappen und wir könnten das sehen. Das Gegenteil ist der Fall. Der Mond hat auf uns überhaupt keine Wirkung, ebenso wenig, wie auf Tiere oder Pflanzen. Die Gezeiten der Ozeane entstehen deshalb, weil diese Gewässer so riesig groß sind und sich die kleinen Kräfte des Mondes dort wie in einem hydraulischen Zylinder summieren können. Wenn alle Wassertropfen nur minimal in die gleiche Richtung gezogen werden, dann summieren sich die Kräfte von Myriaden Wassertropfen letztlich zu einer ansehnlichen Woge. Etwa 70 cm Tidenhub kann man errechnen, fast so hoch, wie unsere Beine lang sind. Aber wir können an der Nordsee bekanntlich zwei Meter, an extremen Stellen sogar bis zu 4 Metern Tidenhub beobachten. Den Weltrekord hält die kanadische Fundybai mit sage und schreibe 21 Metern bei Springtiden. Das ist so hoch wie ein 7-stöckiges Haus. Solche spektakulären Gezeiten kann aber der Mond nicht einfach so hervorrufen. Das Geheimnis liegt in dem regelmäßigen Rhythmus, in dem sich Ebbe und Flut abwechseln. Meeresbuchten - die Nordsee ist strömungstechnisch gesehen auch eine Bucht des Atlantiks - füllen sich bei Flut mit Wasser, das bei Ebbe wieder in den Ozean zurückströmt. Das braucht Zeit. Wenn nun das zurückströmende Wasser auf die nächste bereits auflaufende Flut trifft, dann entsteht eine Welle, die die normale Flut übertrifft. Und das passiert jedes Mal. Es ist so, als würde man in der Badewanne sitzen und das Wasser rhythmisch zum hin- und her schwappen anregen. Dabei entsteht auch eine hohe Woge, die sich dann über den Wannenrand hinweg auf die Badfliesen ergießt.
Summa summarum müssen wir feststellen, dass die Kraft des Mondes äußerst gering ist, aber an manchen Stellen auf der Erde, besonders an Meeresküsten, trotzdem regelmäßig enorme Wirkungen hinterlässt.
Wenn wir nun nach Kräften des Mondes suchen, die unser Leben beeinflussen könnten, dann dürfen wir das nicht mit physikalischen Mitteln versuchen, sondern müssen biologisch im Sinne der historischen Evolution denken. Pflanzen und Tiere, überhaupt alle Lebewesen, zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich durch innere Antriebe - durch ihr Verhalten aus eigener Kraft - an die jeweiligen Umweltbedingungen anpassen. Jede Art tut das auf ihre eigene Weise. Dort, wo Umweltveränderungen ganz regelmäßig eintreten, kann ein Lebewesen das voraussehen. So ist das beim Rhythmus von Ebbe und Flut ebenso wie bei Tag und Nacht. Wenn sich ein Lebewesen auf die wechselnden Lebensbedingungen seiner Umwelt durch entsprechend angepasstes Verhalten einstellt, dann kann man nicht mehr von Ursache und Wirkung, nicht einmal von Reiz und Reaktion sprechen, sondern es ist sein inneres synchrones Programm, das seinen Lebenszyklus bestimmt. Jede Tier- und jede Pflanzenart hat die für sich besten Erfahrungen gesammelt, wie sie sich auf ihre Umweltgegebenheiten einstellen konnte. Es ist deshalb völlig abwegig, allgemeingültige Regeln aufzustellen, nach denen der Mond Einfluss auf Lebewesen haben soll, weil physikalisch zunächst überhaupt kein ursächlicher Einfluss vorhanden ist. Biologisch entwickelte sich synchrones Verhalten zu den Gezeitenerscheinungen, aber nicht wegen des Mondumlaufs. Dem entsprechend reicht das Spektrum des jeweiligen „Mondverhaltens“ von recht spektakulären Anpassungsformen bis hin zu Null, je nachdem, wie und ob die Vorfahren der jeweiligen Art ihr Verhalten auf die vom Mond verursachten Rhythmen einstellten oder nicht.
Als die Landmassen der Erde noch wüst und leer waren, keimte im Wasser der Meere bereits erstes Leben. Nach unserem heutigen Wissen stammt erstes Leben aus dem Meer. Wie und wo es dort entstand, ist nach wie vor ungeklärt. Die vielfältigsten Möglichkeiten mit rhythmisch wechselnden Bedingungen bieten die Küsten, wo sich Ebbe und Flut und deshalb Feuchte und Trockenheit regelmäßig abwechseln. Ich favorisiere deshalb diese Orte als Wiege des Lebens. Aber auch wenn es anders war, nur über die Küsten kommend, konnten die Lebewesen im Laufe von Millionen Jahren das Land erobern. Dadurch verinnerlichten alle Lebensformen ganz automatisch auch Gezeitenerfahrungen. Jede Art nutzte diese Erfahrungen anders, aber jede muss „gedacht“ haben, der Mond sei „Schuld“ an allem, denn er erschien stets und ausnahmslos als synchroner Begleiter der Gezeiten. Wenn Menschen das bei unserem heutigen Stand der Wissenschaften immer noch denken, dann muss das als Aberglaube verspottet werden. Aber unser evolutionär entstandenes und deshalb angeborenes Zyklusprogramm „denkt“ nicht wissenschaftlich. Deshalb hat der Mond „Macht“ über uns, obwohl seine Kraft uns gar nicht direkt erreicht.
Alles oder Nichts
Die Selektion als bestimmender Faktor der Evolution stellt eine „Alles-oder-Nichts-Entscheidung“ dar. Es geht um Leben oder Tod. Man kann nicht ein bisschen tot und gleichzeitig ein bisschen lebendig sein. Mit dem Tod gehen sämtliche Erbanlagen zugrunde. Je seltener ein Individuum bis zu seinem Tod – der ja bei jedem irgendwann einmal eintritt – seine Gene in den Genpool der Art eingebracht hat, je weniger Anteil haben seine Erbeigenschaften an diesem Genpool.Jede Art besteht nur aus einer begrenzten Zahl von Individuen (Phänotypen). Die Summe aller dieser Individuen – der Genpool - repräsentiert den Genotyp, solange diese am genetischen Austausch teilnehmen, d.h. am Leben und zeugungsfähig sind. (Auch eine räumliche Trennung, z.B. eine Insellage, kann die Teilnahme am Genpool verhindern. Dort entwickelt sich dann eine neue Art.)
Die tödliche Selektion trifft jedes Individuum aus einem ganz bestimmten Grund, aber damit scheidet nicht nur diese begründende Erbanlage aus, sondern alle seine Erbanlagen. (Die Ursache des Todes kann natürlich auch reiner Zufall sein, aber erbliche Eigenschaften als Ursache gehen in die Statistik des Genpools ein.)
Dadurch selektiert sich statistisch gesehen die Selektion selbst, denn der am häufigsten vorkommende Grund, dass jemand ums Leben kommt, wird zum wichtigsten Selektionskriterium. Es kann auch mehrere Gründe geben, aber nur eine begrenzte Zahl von Gründen wird von statistischer Relevanz sein.
Die überlebenden Artgenossen zeichnen sich deshalb durch eine oder eine bestimmte Anzahl gegenteiliger und damit vorteilhafter Eigenschaften aus, die ihnen das Überleben ermöglichen. Diese Eigenschaften entwickelten sich aber nicht, um zu überleben, sondern sie überlebten, weil sie zufällig besser an die Lebensbedingungen angepasst waren, als die der Selektionsopfer. Es gibt also keinen Sinn für eine überlebenssichernde Eigenschaft – ein Sinn müsste der Selektion vorausgehen, was unlogisch ist - sondern es gibt einen Grund dafür, dass das Fehlen dieser Eigenschaft oft zum Tod führt. Die Reihenfolge ist zwar die gleiche, aber das Entscheidungskriterium steht nicht vorher fest, sondern es stellt sich nachträglich heraus.
Diese häufig entscheidenden Selektionskriterien werden sich im Laufe der Evolution ständig verändern. Erstens weil irgendwann ein gewisses Anpassungsoptimum in dem entscheidenden Punkt erreicht sein wird und zweitens, weil sich die Umweltbedingungen auch ständig verändern. Deshalb sind so viele verschiedene Arten entstanden.
Sobald ein bestimmter Selektionsdruck steigt und viele Artgenossen deshalb sterben müssen, steigt die Chance, mit einer zufälligen Eigenschaft (Mutation) dem Tod zu entgehen. Diese lebensrettende Eigenschaft zeichnet von da an die betroffene Art aus und sichert deren Überleben. Deshalb fördern Katastrophen die Evolutionsgeschwindigkeit. Der Mensch förderte seine Evolution selbst, weil er sein äquatoriales Herkunftsgebiet verließ und sich deshalb neuen Umweltbedingungen anpassen musste.
Wie kann diese Theorie bewiesen werden?
‚Das Erscheinungsbild einer bestimmten Spezies zu einer bestimmten Zeit ergibt sich aus einer Ansammlung von Merkmalen, die ihre Vorgeschichte ihr hinterlassen hat‘. Dieses Zitat aus Keith Harrisons Buch „Du bist (eigentlich) ein Fisch“ zeigt uns im Umkehrschluss den Weg, wie man auf unsere Vorgeschichte schließen kann. Wir tragen die Merkmale in uns, die unsere Vorgeschichte aufzeigen. Das betrifft nicht nur unseren Körperbau (das Thema des genannten Buchs), dessen Vorgeschichte anhand fossiler Fundstücke zumindest bruchstückhaft materiell nachweisbar ist, sondern auch unser angeborenes Verhalten.Sofort nach der Geburt prüft ein erfahrener Kinderarzt die Reflexe eines Neugeborenen und kann so auf dessen Gesundheitszustand schließen. Beispielsweise wird der Greifreflex an Händen und Füßen getestet, obwohl dieser für ein Menschenkind überhaupt keinen Nutzen mehr hat. Seine Mutter trägt kein Fell wie andere Primaten mehr, an dem sich das Kind festklammern könnte. Außerdem ist der menschliche Fuß nicht mehr zum Greifen geeignet. Diese angeborenen Bewegungsreflexe existieren jedoch noch aus der evolutionären Vorgeschichte der Menschen und zeigen, wie sie früher einmal miteinander lebten.
Nun sollte man schlussfolgern, dass alles Verhalten, das angeboren ist, bei allen Menschen in gleicher Weise zu beobachten sein muss – so wie dieser beschriebene Greifreflex. Alle Unterschiede im Verhalten der Menschen müssten dann zwangsläufig Erwerbungen nach der Geburt darstellen. Diese an sich verständliche Logik vernachlässigt die Tatsache, dass angeborenes Verhalten nicht die konkreten Bedingungen vorhersehen kann, auf das es anzuwenden ist. Deshalb erfährt ein abstrakt angeborenes Verhalten zunächst eine konkrete Prägung. Mit diesen ebenfalls angeborenen (Prägungs-) Vorgängen hat sich Konrad Lorenz anhand seiner Tierbeobachtungen ausgiebig beschäftigt, deren Ergebnisse dort ausführlich nachlesbar sind.
Prägungen einer ganz speziellen Art sind die Phasenanpassungen der endogenen Rhythmen an die Umgebungsrhythmen. Es ist ein angeborener Vorgang, dass der Organismus innere Rhythmen mit den Umgebungsrhythmen synchronisiert. Hierbei muss der Organismus zunächst rhythmische Signale der Umwelt (Primär sind das die Hell-Dunkel-Wechsel) wahrnehmen und ihnen dann seine inneren Rhythmen angleichen. Bei kurzen Zyklen wie dem 24-Stunden-Tag führt dieses Einschwingen logischerweise früher zum Erfolg, als bei längeren, wie den Mondphasen oder den Jahreszeiten. Der am längsten dauernde Zyklus ist der biografische Rhythmus, der mit der sozialen Kognition einhergeht und sich am altersgerechten Verhalten der Sozialpartner orientiert.
Aus „völlig unerklärlichen“ Gründen (Es sei denn, man beachtet die hier vorgelegte Theorie) nehmen wir den biografischen Rhythmus in 7-jährigen Stufen wahr. Diese Wahrnehmung hat seit Menschengedenken die Kulturen beeinflusst, die ihrerseits wiederum auf die Wahrnehmung zurückgewirkt haben. Sämtliche Symbolik bis hinab zu volkstümlichen Bräuchen, das Sprachverständnis und sogar juristische Gesetzgebungen sind mit dieser 7-jährigen Stufung der Biografien verbunden. Diese rhythmische Ordnung in der Kultur der Selbstwahrnehmung war über Jahrtausende ein einflussreicher sozialer Umweltfaktor für die Menschen und deshalb gelangte im Laufe der Zeit auch dieser Prägungsvorgang in dessen genetische Ausstattung. Diese 7-jährige Stufung tritt in 12 charakteristischen Lebensetappen auf, die ebenfalls in allen Kulturen beschrieben werden.
Der Beweis dafür, dass sich dieser biografische Rhythmus beim Menschen gebildet hat, liegt also in seiner 12-teiligen Charakterprägung, die als Phasenanpassung an sein jeweiliges soziales Umfeld zu verstehen ist. Diese 12-Teiligkeit, verbunden mit der 7-jährigen Stufung der Biografien und der ganzzahligen Übereinstimmung mit dem 19-jährigen Lunisolarzyklus ist der lebende Beweis dafür, dass das menschliche Verhalten und damit die Menschen selbst zum Zuchtobjekt ihrer kulturellen Selbstwahrnehmungen geworden waren.
Die materiellen und unbewusst motivierenden Antriebe hierfür lagen in den stets synchron wirkenden, kürzeren Zeitebenen, welche bereits bei den tierischen Vorfahren der Menschen Regie geführt hatten und es heute noch bei Tieren in verschiedenster Weise tun. Weil diese kürzeren Zeitebenen stets ganzzahlig miteinander kommensurabel sind und beim Menschen nun auch den 19-jährigen Lunisolarzyklus mit einbeziehen konnten, existierte ein lückenloses Antriebssystem, ohne das eine Kulturevolution nicht stattgefunden hätte. Nur weil soziale Selbstwahrnehmungen mit emotionalen Empfindungen und diese ihrerseits mit stofflichen Befindlichkeiten eine zeitliche Synchronisation durch die natürlichen Umweltrhythmen fanden, konnte sich das kulturelle System Mensch entwickeln. Der Beweis dafür sind die Menschen mit ihrem Verhaltenssystem selbst.
Break even
Aus den Wirtschaftswissenschaften ist uns der Begriff „Break-even-Point“ geläufig. Dieser Punkt markiert die Grenze zwischen der Verlust- und der Gewinnzone in Abhängigkeit eines weiteren Parameters, der oft die produzierte Stückzahl oder Menge ist.Am Break-even passiert etwas ganz Entscheidendes, es taucht plötzlich eine völlig neue Qualität auf. Allein die Veränderung einer Quantität führt in eine neue Qualität.
Wo befindet sich – im übertragenen Sinne – der „Break-even-Point“ auf dem Weg der Menschwerdung? Menschenähnliche Wesen, wie Gorillas oder Schimpansen, ordnen wir nach wie vor dem Tierreich zu, obwohl sie über viele Eigenschaften verfügen, die auch uns Menschen wichtig sind. Wir sind mit diesen Wesen eng verwandt, das heißt, unsere gemeinsamen Vorfahren im Stammbaum der Evolution sind noch nicht so überaus alt.
Sollte allein eine genetische Mutation diesen „Break-even“ verkörpern? Warum fand die Genforschung ihn dann nicht?
Beim Break-even der Wirtschaftlichkeit handelt es sich um eine Mengenangabe. Ist das vielleicht auch bei den sozialen Verbänden der Menschen so, dass erst bei Erreichen einer bestimmten Anzahl von Individuen das menschentypische Verhalten in Erscheinung treten konnte? Natürlich ist das so, denn wie sollten sich spezialisierte Tätigkeiten entwickeln können, wenn es nur wenige Individuen gibt? Solitär lebende Wesen müssen immer universell handeln. Erst viele können sich spezialisieren und deshalb kooperieren. War diese Vielheit also der „Break-even“?
Gewiss muss die Individuenanzahl auch eine Rolle gespielt haben, aber warum üben dann die Angehörigen größerer Schimpansenhorden keine Berufe aus? Warum erreichten Schimpansen nicht einen „Break-even“ mit menschlichen Resultaten?
Unsere eigene Ontogenese gibt die Antwort darauf, was an der Phylogenese des Menschen so einzigartig war. Die Reifezeit des Menschen wurde immer länger, bis 7 Jahre zu typischen Entwicklungsperioden wurden. Solche langen Perioden gibt es im Tierreich nirgends. Dadurch verknüpfte sich die biografische Selbstwahrnehmung mit den anderen rhythmischen Motivationsauslösern aus der Natur und aus der Sozietät im Gehirn, weil dort regelmäßig gleichzeitig eintreffende Wahrnehmungen synaptisch einwachsen. Der „Break-even“ der Menschheitsentwicklung war also diese 7-Jährigkeit der Entwicklungsperioden, weil sich von da an das bewusste soziale Zusammenleben der Menschen unbewusst am Lunisolarzyklus nach der Gleichung L19 = i7 + S12 orientieren konnte. Nur dadurch entstanden die vielgestaltigen inneren Ressourcen, die heute den Menschen vom Tier unterscheiden.
Das Pendel
Wie „verhält“ sich ein Pendel? Es pendelt. Es pendelt aber nicht aus eigenem Antrieb oder weil es das so will, sondern sein Pendeln ist Folge der Schwerkraft. Deshalb kann man auch nicht von „Verhalten“ beim Pendel sprechen, denn es lebt nicht. Schwerkraft allein reicht aber zunächst auch nicht aus, denn das Pendel würde bewegungslos herabhängen, wenn es einzig der Schwerkraft ausgesetzt wäre. Man muss dem Pendel einen Stups geben. Nach einer Weile kommt es wegen der Reibungsverluste wieder zum Stillstand. Wenn es weiter pendeln soll, muss man ihm gelegentlich einen erneuten Stups geben.Und nun kommt das, was ich eigentlich gleichnishaft am Pendel darstellen will. Man darf dem Pendel nämlich nicht irgendwann einen weiteren kleinen Stups geben, sondern man muss das synchron zu dessen bereits bestehender Pendelbewegung tun. Andernfalls käme seine Bewegung völlig aus dem Rhythmus oder sogar zum Stillstand. Jede Mutter kennt das, wenn sie auf dem Spielplatz die Schaukel ihres Kindes in Schwingung versetzt.
Nun nehmen wir einmal an, mehrere verschieden lange Pendel würden aufgereiht nebeneinander hängen. Jedes Pendel würde wegen der unterschiedlichen Längen mit einer anderen Dauer schwingen. 0,8 Sekunden; 0,9 Sekunden; 1 Sekunde; 1,1 Sekunden; 1,2 Sekunden etc. Nun würde von der Seite her exakt jede Sekunde ein Luftstoß auf die Pendelreihe geblasen. Man kann sich leicht vorstellen, dass das Pendel mit der Eigenfrequenz von 1 Sekunde nach ein paar Luftstößen heftig hin und her schwingen wird, während die anderen nur geringe Bewegungen zeigen. Dieses 1-Sekunden-Pendel ist das am besten an die gegebenen Umstände angepasste Pendel. Es tut das, was ein Pendel definitionsgemäß zu tun hat, nämlich zu pendeln.
Und nun kommt, warum ich dieses Gleichnis konstruiert habe:
Dasselbe wie das Pendel tut jedes Lebewesen, es pendelt mit seinem Verhalten im Rhythmus von Tag und Nacht zwischen Aktivität und Ruhe. Damit ein Lebewesen existieren kann, muss es Energie aufnehmen. Fleischfresser jagen Pflanzenfresser, diese ernähren sich von Pflanzen und Pflanzen empfangen schließlich das Sonnenlicht als die Energiequelle, bei der alles beginnt. Deshalb das Pendeln zwischen Tag und Nacht. Wir gehen bei dieser Betrachtung der Nahrungskette nicht nur energetisch, sondern auch in der Evolution rückwärts. Am Anfang war also das Licht der Sonne, die im Rhythmus von Tag und Nacht entweder schien oder nicht schien. (Auch wenn die Sonne ständig scheinen würde, ginge es nicht, weil dann der Calvin Zyklus nicht zustande käme.)
Vor den Mehrzellern waren Einzeller und vor den lebenden Strukturen hatten die stabileren chemischen Verbindungen Vorteile gegenüber den schnell zerfallenden Formationen. Aber auch solche Verbindungen, die überhaupt nicht wieder zerfallen wollten, konnten an der Evolution zum Komplexeren hin nicht teilnehmen, weil sie nicht zwischen Entstehen und wieder Zerfallen hin und her pendeln konnten. Die Dauer dieser Prozesse musste zu dem Rhythmus seiner regelmäßig wiederkehrenden Auslöser passen. Dieses „Passen“ war von Anfang an Selektionskriterium der Evolution.
Der erste logische Kreis lautete: Was existiert, existiert, weil es existiert. Die Katze beißt sich gewissermaßen in den Schwanz. Der nächste Kreis lautete: Was existiert, existiert, weil es sich selbst hervorbringt. Das war das Prinzip der Autokatalyse. Der übernächste Kreis lautete: Was existiert, existiert, weil es etwas hervorbringt, was seinerseits das zuvor Existierende hervorbringt. Damit war der erste Kooperationszyklus zwischen zwei verschiedenen Existenzen geschlossen. Das war das Prinzip der katalytischen Zyklen.
Neues kann aber nur hervorgebracht werden, wenn zuvor etwas Altes zerfällt. Sonst wär bald alles Material verbraucht und Stillstand würde eintreten. Aber nicht nur Findungsprozesse sondern auch Zerfallsprozesse können katalytisch ausgelöst werden. Werden und Vergehen – ein ewiges Hin- und Herpendeln.
Damit sind wir wieder beim Gleichnis vom Pendel. Kinetische Energie wird verbraucht und potentielle Energie wird angesammelt um schließlich die Richtung umzukehren und potentielle Energie wieder zu kinetischer Energie werden zu lassen. So ist es beim Pendel.
Welche pendelnden Kräfte treiben aber das Wechselspiel der Evolution auf der Erde an? Es können nur regelmäßig wiederkehrende Kräfte in Frage kommen, denn sonst hätten nicht bestimmte Strukturen gegenüber anderen Strukturen bevorzugt gewesen sein können. Die Zeiten der Strukturbildung und ihres Zerfalls müssen im statistischen Mittel mit den Rhythmen ihres Antriebs übereinstimmen.
Regelmäßig wiederkehrende Energien sind auf der Erde die Strahlung der Sonne im Rhythmus von Tag und Nacht sowie die Gezeitenkräfte des Mondes, die an den Ufern der Meere Feuchte und Trockenheit abwechseln lassen. (Die Gravitation des Mondes liefert der Erde keine Energie. Sie entzieht ihr sogar welche durch die Gezeitenreibung. Aber einen Rhythmus des Energieflusses verursacht die Anwesenheit des Mondes. Die Energie selbst kommt aus der Erddrehung.)
Nur solche Stoffe, die an diese Bedingungen angepasste evolutionstaugliche Strukturen bilden können, können auch wirklich an der Evolution teilnehmen. Das geschieht immer wieder unter dem Motto: Was existiert, existiert, weil es existiert. Das ist Darwins „Kampf ums Dasein“.
Strukturbildung und Strukturzerfall unter dem Einfluss des Tageslichts und dem Wechsel von Feuchte und Trockenheit im Rhythmus der Gezeiten begünstigte solche Verbindungen, deren Bildungs- und Zerfallszeiten zu diesen Rhythmen passten. Das bedeutet nicht, dass die Rhythmen unbedingt 1 zu 1 zueinander passen müssen. Das Verhältnis der Rhythmen muss aber ganzzahlig miteinander in Resonanz stehen.
Das Gleichnis vom Pendel zeigt, dass nicht bei jeder Schwingung neu angestupst zu werden braucht. Auch jedes zweite, dritte oder vierte Mal reicht zur Aufrechterhaltung des Pendelns aus. Wichtig ist nur, dass zwischen der Eigenfrequenz des Pendels und seiner Schwingungserregung Resonanz herrscht.
Nach diesem Prinzip schritt die Evolution voran. Werden und Vergehen begünstigte stets solche Strukturen, die sich in gegenseitige Kooperation immer wieder aufs Neue katalysierten. Peu a peu tauchten neue Kooperationszyklen auf, welche für die Verbesserung der Strukturbildung sorgten. Dies geschah immer durch Ausnutzung der Energiezufuhr, deren Ursprung im Rhythmus der Tage und Gezeiten liegt.
Dornröschen
Der Übergang vom Mondkalender zum Sonnenkalender wird in dem Märchen Dornröschen thematisiert. Das Jahr hat 12 Monde, das stellen die 12 Feen dar, die zu Dornröschens Geburtstag eingeladen werden. Die 13. Fee wurde nicht beachtet, sie stellt den 13. Mond dar, der beim Mondkalender hin und wieder auftaucht, beim Sonnenkalender aber abgeschafft wurde. Die 13. Fee rächt sich deshalb damit, dass sie die Zeit stehen bleiben lässt. 100 Jahre sollen Dornröschen und der ganze Hofstaat regungslos verharren.
Das Spinnen mit dem Spinnrad und der entstehende Faden galten seit alters her als Symbol für das Vergehen der Zeit. Dabei konnte es schon passieren, dass man sich einmal an der spitzen Spindel stach und dadurch gewissermaßen eine blutige Zeitmarke auf den Zeitfaden gesetzt wurde. Genau das tat bis dahin der 13. Mond.
Märchen können auf zweierlei Weise interpretiert werden. Mit Märchen kann man entweder zum Ausdruck bringen, dass es den märchenhaften Inhalt eben nur im Märchen gibt und nicht in der Wirklichkeit. Es kann aber auch sein, dass das Märchen wirkliche Befürchtungen oder Hoffnungen überliefert und mit symbolhaften Bildern die Gedanken aufgezeichnet hat. Wir wissen heute oft die Absichten der Märchenerzähler nicht mehr. Dass es dieses Märchen von Dornröschen aber überhaupt gibt, zeigt uns, dass es einstmals dieses Thema gab und die Menschen zu ihrer Zeit bewegte.
Weil der Mondkalender modernen Menschen zunehmend unbekannt wurde, können sie den Inhalt des Dornröschenmärchens nicht mehr deuten. Es ist halt nur (noch) ein „dummes“ Märchen. Auf diese Weise entfernen sich die Menschen immer mehr von ihrer historischen Herkunft und können sich deshalb selbst nicht mehr verstehen. Deshalb ist es für die Zukunft wichtig, die geistig-kulturelle Herkunft der Menschheit in eine rationalere Sprache zu übersetzen. Am besten, man fängt bei den Kindern an und liest ihnen die Märchen vor. Das muss dann aber mit einer verständlichen Aufklärung verbunden werden, denn sonst werden Märchen nur noch für sinnlose Dummheiten gehalten.
Welche Einflüsse haben Sonne und Mond?
Es steht doch völlig außer Frage, dass die Sonne Einfluss auf unser Leben hat. Ohne die Sonne würde überhaupt kein Leben existieren. Aber welchen Einfluss hat die Sonne überhaupt? Wenn früh die Sonne ins Fenster scheint, dann wachen wir auf. War das der Einfluss der Sonne? Wenn man den Rollladen am Fenster heruntergelassen hat und es dunkel bleibt, wacht man trotzdem auf – also kann es die Sonne nicht gewesen sein, die für das Aufwachen gesorgt hat.Ein anderes Beispiel: Die Blumen öffnen ihre Blüten am Tag und richten sie nach der Sonne aus. Ist das dem Einfluss der Sonne zuzuschreiben? Auch hier wieder ein klares Nein. Die „Königin der Nacht“ beispielsweise öffnet ihre Blüten – wie es der Name schon sagt – in der Nacht. Carl von Linne hatte bereits 1745 eine hübsche Blumenuhr entworfen, weil er erkannt hatte, dass sich die Blüten der verschiedenen Pflanzen alle zu einer anderen Tageszeit öffnen. Also veranlasst nicht die Sonne das Öffnen der Blüten, sondern die Pflanze selbst.
Welchen Einfluss hat denn nun die Sonne auf die Pflanzen und Tiere? Die Sonne strahlt immer – Tag und Nacht. Aber weil die Erde immer nur zur Hälfte von der Sonne beschienen werden kann, haben wir durch die Erddrehung Tag und Nacht. Mit Blick zur Sonne dauern Tag und Nacht 24 Stunden (diese Teilung des Tages haben wir so festgelegt). Aller 24 Stunden wird es hell und aller 24 Stunden wird es wieder dunkel. An diesen Rhythmus haben sich Pflanzen und Tiere mit ihrem Verhalten angepasst. Jede Tier- und Pflanzenart hat das auf ihre ganz eigene Weise getan. Es gibt also kein Naturgesetz, das der Sonne diesen Einfluss zugesteht – aber ohne die Anwesenheit der Sonne würde es auch nicht gehen. Ihre Strahlung wird gebraucht.
(Ein bisschen Einfluss hat die Sonne sogar selbst. Denken wir an die unterschiedlich dicken Jahresringe der Bäume. Weil die Sonne unterschiedlich stark aktiv ist – das schwankt in einem durchschnittlichen Rhythmus von elf Jahren – empfangen die Bäume unterschiedliche Energiemengen und das führt zu unterschiedlich starkem Wachstum, was man dann an den unterschiedlich dicken Jahresringen erkennen kann.)
Wozu der Blick auf diese simplen Feststellungen? Simpel sind diese Feststellungen, weil sie (fast) jeder kennt und niemand daran zweifelt.
Anders sieht es hingegen aus, wenn man die Frage stellt, welchen Einfluss der Mond auf das Leben hat. Plötzlich entbrennt ein wilder Streit, der von überhaupt keinem Einfluss bis zu den kuriosesten Erscheinungen reicht. Da soll man die Haare nur bei einer bestimmten Mondphase schneiden lassen, Pflanzen nach dem Mondkalender aussähen, gießen, schneiden, düngen etc. Da schläft man bei Vollmond schlecht oder man soll sich nach der Mondphase richten, wenn man zum Zahnarzt geht. Was ist dran an solchen „Regeln“?
Zunächst einmal kann man eine Menge Geld damit verdienen, wenn man Bücher über den Mondeinfluss verkauft – das macht die Sache verdächtig. Das „Wissen“ des Mondkalenders von Maria Thun oder das Gärtnern mit dem Mond von Paungger&Poppe hat Hartmut Spiess vom Dottenfelderhof in jahrelangen Versuchsreihen getestet. Es sei erwähnt, dass Spiess Anthroposoph ist und deshalb zu vermuten ist, dass er der Astrologie nicht ablehnend gegenübersteht. Trotzdem konnte er die allgemeinen Regeln der Mondkalender ganz und gar nicht bestätigen. Aber es erschienen neue aufschlussreiche Regeln. Günstige und ungünstige Aussaattermine traten tatsächlich zutage, aber für unterschiedliche Pflanzenarten gab es auch ganz unterschiedliche Regeln. Was für die eine Pflanzenart gut war, war für eine andre schlecht. Kartoffeln gedeihen besser, wenn sie bei Neumond gesteckt werden und Radieschen oder Gerste sät man besser drei Tage vor Vollmond. Und bei Möhren ist es wieder anders. Wir haben also auch hier keinen grundsätzlichen Einfluss des Mondes auf die Pflanzen, sondern manche Pflanzen sind je nach Art verschieden an den Rhythmus des Mondes angepasst. Vermutlich gibt es viele Pflanzen, denen der Mond völlig gleichgültig ist.
Wenn Pflanzen und Tiere ihr Verhalten an die Zyklen von Sonne und Mond in unterschiedlicher Weise angepasst haben, dann hatten sie offenbar auf dem Weg ihrer Evolution irgendwann einmal Gründe dafür, das so zu tun, wie sie es heute noch tun. Das bedeutet nicht, dass das nach wie vor sinnvoll ist. Aber offenbar kann es auch nicht schaden, denn sonst würde es sich wieder ändern.
Ebenso muss es wohl bei uns Menschen sein. Wenn es auf dem Weg der Evolution sinnvoll war, das Verhalten an Sonne und Mond anzupassen, dann steckt das nach wie vor in unserem Erbmaterial. Menschen können allerdings nicht (mehr) alle über „einen Kamm geschoren“ werden, wie das bei Tier- und Pflanzenarten der Fall ist. Bekanntlich gibt es „Lerchen“ und „Eulen“ – also Frühaufsteher und solche, die erst abends richtig munter werden. Dieser einfachste Unterschied ist allgemein bekannt. Es gibt aber überhaupt sehr unterschiedliche Temperamente und Charaktere, die offenbar (auch) etwas mit Sonne und Mond zu tun haben. Verständlich wird das aber nur dann, wenn man es vor dem Hintergrund der Evolution erforscht.
Die Geschichte der Formel
Für mich war es seinerzeit (1984 oder ’85) ein Schlüsselerlebnis, den 19-jährigen Lunisolarzyklus „entdeckt“ zu haben. Erst Jahre später bemerkte ich, dass ich das einfacher hätte haben können, wenn ich mich einmal mit Kalenderkunde beschäftigt hätte. Ich wäre da auf den Meton-Zyklus gestoßen und hätte nicht selbst rechnen und herum probieren müssen. Aber ich wusste damals ja noch gar nicht, wonach ich eigentlich suchte. Wie dem auch sei, mir fiel natürlich sofort auf, dass diese 19 Jahre des Lunisolarzyklus‘ und die 12 Mondjahre des chinesischen Tierkreises die gesuchte Differenz von 7 Jahren ergibt. Meine zweite „Entdeckung“ war also, dass 19 - 12 = 7 ist. Ob das nur zufällige Zahlenübereinstimmung war oder ob es was zu bedeuten hatte, konnte ich zunächst nicht wissen, aber ich hatte das Gefühl, dass etwas dran sein muss.Warum suchte ich nach einer Zeitspanne von sieben Jahren? Diese durchschnittlich sieben Jahre sind die typischen Entwicklungsschritte, die ein Mensch während seiner Zeit bis zum Erwachsenwerden geht. Aus diesen Schritten hatte ich das Generationenschema hergeleitet und festgestellt, dass bei dieser Betrachtungsweise das vollständige Leben aus 12 Schritten besteht und sich diese 12-Teiligkeit in allen Tierkreisen der verschiedenen Kulturen wiederfindet. Auch sieben Jahre findet man sehr häufig in Sagen, Märchen, Sprichworten, oder der Bibel etc.
Ohne den recht komplizierten gedanklichen Hintergrund, der sich schlussendlich an den Zahlen festmacht, wäre an der Gleichung 19 - 12 = 7 ja nichts Besonderes. Als Rechenaufgabe kann man das bereits in der ersten Klasse lösen. Das Besondere an dieser „Zahlenspielerei“ ist ja, dass die 19 Jahre des Lunisolarzyklus in 12 Gemeinjahre und 7 Jahre mit einem zusätzlichen Schaltmonat zerfallen. Nur durch diese an sich zufällige Zahlenübereinstimmung wurden Monatszyklen und Jahreszyklen vergleichbar.
Als ich 2003 die Gelegenheit hatte, einmal meine Theorie innerhalb einer Vortragsreihe „Aktuelles und Umstrittenes aus Wissenschaft und Technik“ in Dresden vorzustellen, schrieb ich noch die Gleichung 19 - 7 = 12 mit Kreide an die Wandtafel.
Erst als sich später einmal ein Wissenschaftler, dessen Meinung mir sehr viel bedeutete, über diese „großartige Leistung“ lustig machte – nämlich herausgefunden zu haben, dass 19 - 7 = 12 ist - fügte ich den Zahlen der Gleichung erläuternde Indizes hinzu. L für Lunisolarzyklus, i für individuellen Entwicklungsschritt und S für Sozialzyklus. Die Gleichung hatte nun die Form: 19L – 7i = 12S.
Ich war der Meinung, dass man keine Formel aufstellen darf, wenn man mit ihr an sich nichts ausrechnen kann. Schließlich existiert nur ein einziger „Anwendungsfall“ und der funktioniert nur mit diesen drei Zahlen.
Diese Buchstaben brachten mich dann auf die Idee, die Zahlen und die Indizes zu vertauschen und auf diese Art schließlich doch zu einer ansehnlichen Formel zu kommen, nämlich: L19 - i7 = S12. Schlussendlich soll man die Dinge ja immer positiv sehen und so ließ ich das Minuszeichen in der umgestellten Form L19 = i7 + S12 verschwinden.
Der Term i7 führte gelegentlich zu Missverständnissen, denn so errechenbar verläuft das Leben ja nicht, dass immer genau nach sieben Jahren ein Wechsel der Szenerie eintritt. Aus dem nicht vorhersehbaren individuellen sozialen Kontext hätte zwar logisch erkannt werden müssen, dass diese sieben Jahre nur einen Mittelwert darstellen, aber die Menschen sind ja meist nicht an allgemeinen Zusammenhängen interessiert, sondern sie wollen sich selbst in den Erkenntnissen wiederfinden. Zukunftsvorhersagen für Einzelfälle kann aber niemand und auch meine Formel nicht leisten und deshalb habe ich nun schlussendlich einen Querstrich über den Term i7 geschrieben, um damit seinen Charakter als Mittelwert deutlich herauszustellen:
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Der Kalender der Baha‘i
Wer sich mit Zeitmessung und Kalenderkunde beschäftigt, entdeckt eines Tages auch den Badi‘- Kalender – den Kalender der Religionsgemeinschaft der Baha’i. Ich entdeckte diesen Kalender erst jetzt (August 2011) und begann mich für ihn zu interessieren, weil bei ihm die Zahl 19 die zentrale Rolle spielt. Natürlich vermutete ich zunächst, dass der 19-jährige Lunisolarzyklus die Ursache für die Auswahl der Zahl 19 ist, was aber nicht zutrifft. Wenn man das Sonnenjahr mit seinen 365 Tagen in ebenso viele Monate wie Tage einteilen möchte (aus welchen Gründen auch immer), dann kommt man ebenfalls auf die Zahl 19. Die Wurzel aus 365 (Tage des Sonnenjahres) ist nämlich 19,1. Ein "Monat" mit 19 Tagen hat nun mit dem Mond überhaupt nichts mehr zu tun und auch 19 Monate im Jahr entsprechen nicht den natürlichen Gegebenheiten. Aber es sollte ja bei den Baha’i auch ein reiner Sonnenkalender ohne jegliche Berücksichtigung des Mondes entstehen.Da 19 Monate zu 19 Tagen nur 361 Tage ergeben, müssen jedes Jahr vor dem neuen Jahresbeginn, der auf die Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche festgelegt wurde (nach Gregorianischem Kalender der 21. März), vier bzw. fünf Tage hinzugefügt werden.
Die „Heiligkeit“ der Zahl 19 wird bei dieser Zeitrechnung fortgesetzt, indem auch Zyklen von 19 Jahren (Wahid) und Perioden von 361 (19 x 19) Jahre (Kullu Shay) wichtig sind. Aber wie gesagt, diese 19 Jahre haben nichts mit dem Lunisolarzyklus zu tun. Die Übereinstimmung mit dem Lunisolarzyklus ist reiner Zufall und trifft auch nicht ganz exakt zu. Nach 11,5 Zyklen (218,5 Jahre) ist ein Tag (24 Stunden) Abweichung zu verzeichnen, weil der Lunisolarzyklus um etwa 2 Stunden von 19 exakten Sonnenjahren (Wahid) abweicht.
(Quelle: „Die Zeit im Baha‘i-Zeitalter“ von Gerald Keil)
Die Kulturevolution ging weiter
Der Zusammenhang von Lunisolarzyklus und Menschwerdung wurde als ein System dargestellt, das eine Kulturevolution in Wechselwirkung mit der genetischen Menschheitsentwicklung erklärt. Die Wirkung dieses Zusammenhangs ist lange her und seitdem sind weitere entscheidende Dinge passiert. Nachdem Menschen auf die dargestellte Weise entstanden waren, entwickelten sie ihre Kultur Schritt für Schritt weiter und veränderten sich unter dem Einfluss ihrer eigenen geschaffenen Kultur selbst.Ein folgenreicher Schritt war die Abschaffung des Lunisolarkalenders. Mit zunehmender Sesshaftigkeit wurde die zeitliche Orientierung allein an der Sonne möglich und erwies sich nun auch als praktikabel. Das gesellschaftliche Leben verlor von da an seinen natürlich entstandenen rhythmischen Zusammenhang, zumindest was die Zeiten des Mondes betraf. Auf den ersten Blick müsste man das als eine katastrophale Störung betrachten, weil es wie ein gewaltiger Jetlag gewirkt haben muss. Der Wegfall der Mondorientierung wurde zwar durch ähnliche Rhythmen ersetzt, nämlich durch den Wochenrhythmus und die bürgerlichen Monate, aber die Zeitorientierung erfolgte nun nicht mehr organisch automatisiert und vorrangig unbewusst, sondern musste zum Bestandteil der bewussten Wahrnehmung der gesellschaftlichen Abläufe werden. Dadurch wurde einerseits die Rolle des Ich-Bewusstsein gestärkt, das gefühlte Unbewusste hingegen in seinem Einfluss zurückgedrängt. Die Rolle der bewussten geistigen Ebene erhielt deshalb durch die ausschließliche Orientierung an den Zeiten der Sonne - wir würden heute sagen: am bürgerlichen (Gregorianischen) Kalender - eine weitere Aufwertung.
Warum hat sich der Mensch nun aber nicht wieder zum Tier zurückentwickelt, als er sich selbst der Verhältnisse beraubt hatte, die ihn einst hervorbrachten? Es ist hier wie bei den Meeressäugern, die zwar zurück ins Meer gingen, aber dort nicht wieder zu Fischen wurden. Die Evolution schreitet immer voran, nie rückwärts. Jede erreichte Sachlage ist die Ausgangsbasis für die folgenden Entwicklungen. In diesem Sinn stellt die Orientierung am Lunisolarzyklus eine wichtige Etappe auf dem Weg der Menschwerdung dar, die ihre Schatten nach wie vor deutlich auf unsere ontogenetische Entwicklung wirft und unseren Charakter und unser Verhalten mit prägt. Dann aber gewinnen die kulturell festgesetzten Rhythmen die Oberhand und die Parallelität des Verhaltens mit den Umweltrhythmen geht verloren. Deshalb können wir heute keine Beziehungen der Mondphasen zum Verhalten erwachsener Menschen mehr finden.
Von den vielen geschaffenen Kalendersystemen hat sich letztlich nur einer weltweit durchgesetzt. Der Kampf der Kulturen wurde vermutlich auch dadurch beeinflusst.
Kondensstreifen
Schaut man zum blauen Himmel hinauf, so kann man die Kondensstreifen der Düsenjets sehen. Schnurgerade erstrecken sie sich am Himmel. Manchmal beschreiben sie auch einen Bogen. Wir schlussfolgern daraus, auf welchem Weg das Flugzeug geflogen war. Manchmal sehen wir das Flugzeug noch vor seinem Kondensstreifen herfliegen und können den "Herstellungsprozess" des Streifens direkt beobachten. Das alles ist ein völlig alltäglicher und realer Prozess. Warum spreche ich das Thema dann überhaupt an?Ich will auf die Frage hinaus, was eigentlich Realität ist und möchte das an diesem anschaulichen Beispiel erörtern. Die letzte Sekunde, die vergangen ist, ist offenbar keine Realität mehr. Dort wo sich das Flugzeug vor einer Sekunde noch befunden hat, ist es nicht mehr. Nur in meiner Erinnerung kann es an diesem Ort noch sein, aber nicht mehr wirklich. Aber auch der Kondensstreifen zeugt davon, dass das Flugzeug sich dort einmal befunden haben muss, denn sonst gäbe es dort keinen Kondensstreifen. Realität hinterlässt also Spuren. Aus diesen Spuren rekonstruieren wir eine Realität. Und was ist der Unterschied zur "realen" Realität? Nun, ich muss Sie enttäuschen - es gibt nämlich keinen Unterschied. Wir müssen Realität immer erst konstruieren bzw. rekonstruieren. Jemand spricht zu mir. Ich sehe seine Mundbewegungen und höre die Schallwellen seiner Stimme. Aber wenn ich das wahrnehme, ist es bereits Vergangenheit und deshalb nicht mehr real. Der Unterschied zu den Kondensstreifen ist lediglich die kürzere Zeitdauer, die das spurenerzeugende Ereignis zurückliegt. Es gibt eine subjektiv empfundene Gleichzeitigkeit, die aber keine wahre Gleichzeitigkeit ist.
Wenn wir Realität nicht wahrnehmen können, sondern Realität immer nur auf Grund unserer Beobachtungen konstruieren können, dann ist auch nichts daran auszusetzen, wenn man Zusammenhänge rekonstruiert, die bereits sehr weit in der Vergangenheit liegen. Natürlich verblassen die Spuren, die diese Ereignisse in der Vergangenheit hinterließen, aber das, was noch vorhanden ist, darf man zu deuten versuchen. Auch die Kondensstreifen werden nicht ewig existieren, sie werden bald vom Wind verweht sein. Diesen Alterungsprozess der Spuren kann man sogar für die Deutung mit ausnutzen. Wenn das Flugzeug längst hinterm Horizont verschwunden ist, kann ich am Kondensstreifen eigentlich nicht mehr feststellen, in welche Richtung der Flieger geflogen war. Weil aber der Wind den Kondensstreifen auseinanderwirbelt, kann man sehen, wo diese Verwirbelungsspuren schon deutlicher und deshalb älter sind. Dort muss das Flugzeug eher gewesen sein und so kann ich schließlich die Flugrichtung bestimmen. Die Altersbestimmungen der Archäologen nutzen Methoden solcher Art, z.B. der fortschreitende Zerfall radioaktiver Substanzen lässt auf das Alter von Funden schließen.
Ist der Mensch nun ein Meister der Illusion oder ist er ein Meister der Realität? Da sich alles in seinem Kopf und sonst nirgendwo abspielt, kann er nur ein Meister der Illusion sein. Aber er wird dadurch zum Meister über die Realität, weil seine Zukunftsprognosen stimmen - nicht immer, aber immer öfter.
Zukunft ist immer kontingent, d.h. alles könnte auch ganz anders kommen. Vergangenheit ist auch kontingent - es könnte alles auch ganz anders gewesen sein, als es sich in meiner rekonstruierenden Phantasie darstellt. Aber die Vergangenheit hat Spuren hinterlassen, so wie der Düsenjet seinen Kondensstreifen hinter sich zurückgelassen hat. Er muss also auf diesem noch immer sichtbaren Weg seiner Spur geflogen sein. Dadurch verliert die Vergangenheit einen Teil ihrer Kontingenz. Viele Möglichkeiten, wie es gewesen sein könnte, scheiden auf Grund der Spurenlage aus.
Aber auch für die Zukunft ist nicht alles völlig kontingent. Es gibt beispielsweise die Trägheit der Massen. Je größer eine Masse ist, umso träger ist sie und um so größer sind die notwendigen Kräfte, die ihren Bewegungsverlauf ändern könnten. Deshalb können wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Flugbahn eines Flugzeuges zumindest für ein gewisses Stück des Wegs vorhersehen. Die Flugbahn des Mondes können wir Jahre oder Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte vorherberechnen - wenn nichts dazwischen kommt. Und diese Möglichkeit, dass noch etwas dazwischenkommen könnte, macht die Zukunft immer kontingent - zumindest ein bisschen.
Wenn wir die Spuren der Vergangenheit deuten und daraus Schlüsse für die Zukunft ziehen können, dann sind wir dem Schicksal gar nicht so hilflos ausgeliefert, wie es zunächst scheinen mag. Wir dürfen nur nicht den Fehler begehen, das alles für Realität zu halten, was uns unser Gehirn für eine solche vorgaukelt. Was praktisch funktioniert und für uns nützlich ist, könnte möglicherweise noch viel besser und nützlicher sein. Aber wir sind von unseren Interpretationen der Spuren abhängig, die uns die Vergangenheit hinterlassen hat. Das sind unsere Erfahrungen und unser Wissen. Und dabei gibt es ein Problem. Es gibt nämlich erfahrene und weniger erfahrene Spurendeuter und die unerfahrenen staunen darüber, was die erfahrenen alles so sehen können. Wir sind darauf angewiesen, den erfahrenen Sehern das zu glauben, was sie uns deuten. Unser Wissen ist durch Evolution entstanden und bekanntlich setzt sich in der Evolution immer der stärkere gegen den schwächeren Konkurrenten durch. Beim Wissen sind es die Mächtigeren, die ihre Spurendeutungen durchsetzen. Nicht selten erliegen sie dabei selbst der Illusion, sie seien im Besitz der Wahrheit. Je "dümmer" diese Leute in diesem Sinne sind, umso mächtiger können sie werden, denn Selbstzweifel schaden auf dem Weg zur Macht nur.
Es gibt aber einen Trost. Den hat Karl Popper so treffend formuliert:"Man kann nicht verifizieren, man kann nur falsifizieren." Dass man falsifizieren kann, dass man eine "Wahrheit" also widerlegen kann, eröffnet die Möglichkeit, die Machthaber des Wissens von ihrem Sockel zu stoßen. Man muss ihre Fehler aufdecken - man muss falsifizieren. Das kann man und das sollte man wissen.
Kondensstreifen bilden sich immer hinter dem Flugzeug, nie davor. Das Flugzeug ist mit seinen Abgasen die Ursache dafür, dass sich die Wassertröpfchen der Kondensstreifen bilden können. Wir können die Erscheinung der Kondensstreifen auf die Kondensationskeime der Flugzeugabgase reduzieren. Das ist Reduktionismus. Wir können aber nicht vorhersehen, wohin ein Kondensstreifen in der Zukunft führen wird, weil wir nicht wissen können, wohin der Pilot das Flugzeug steuern wird. Und selbst wenn wir die geplante Route kennen würden, es könnte ein technischer Defekt plötzlich auftreten und den Piloten zu einem Kurswechsel zwingen. Plötzliches Auftreten von etwas nennt man Emergenz. Emergenz steht scheinbar im Widerspruch zum Reduktionismus. Das ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch, denn Emergenzen treten immer in der Zukunft auf, während sich reduktionistische Betrachtungen immer auf die Vergangenheit richten. Spuren der Vergangenheit sind prinzipiell eindeutig, die Zukunft ist kontingent. Aber beide sind eigentlich Illusionen, weil Vergangenheit nicht mehr und Zukunft noch nicht existieren. Das erkannte bereits Aristoteles.
Auch die Evolution des Lebens hat eine Spur hinterlassen, durch die Darwin überhaupt erst auf die Idee der Evolution gekommen ist. Der Stammbaum der Arten ist diese Spur. Man kann ihn zurückverfolgen. Man hätte ihn aber zu keinem Zeitpunkt3 vorhersehen können und kann das auch heute nicht. Wir sind das Ergebnis einer langen kontingenten Entwicklung - es hätte alles auch anders kommen können. Immer wieder tauchten auf diesem Weg Erscheinungen auf (Emergenz), die wir im Nachherein auf ihre Ursachen zurückführen können (Reduktionismus). Allerdings müssen wir uns dabei vor monokausalen Betrachtungsweisen hüten. Monokausal heißt, dass eine Ursache eine Wirkung nach sich zieht. Die Evolution war aber stets von einem ganzen Geflecht aus sich gegenseitig bedingenden Einflüssen abhängig. Deshalb gibt es so viele verschiedene Arten und nicht nur eine einzige Form von Leben.
Die Evolution des Lebens hat einen "Kondensstreifen" hinter sich hergezogen - die Gene. Ohne dieses "Erinnerungsvermögen" hätte Leben nicht entstehen können. Durch einen einmaligen Zufall hätte ein komplexes System nicht plötzlich da sein können. Und viele Zufälle hätten auch nicht zu komplexen Systemen führen können, wenn sie nicht informativ miteinander verbunden gewesen wären. Diese Informationen sind in den Genen gespeichert. Wenn eines Tages das genetische Material besser gedeutet werden kann, wird man die Geschichte unserer Entwicklung klar und deutlich sehen können. Man wird begreifen müssen, dass nicht nur unser Körperbau und seine organischen Funktionen, sondern auch große Teile unseres Verhaltens genetisch gesteuert werden. Genetische Steuerungen funktionieren aber immer auch in Auseinandersetzung mit den Umwelteinflüssen. Es ist wie bei den Kondensstreifen, man kann vieles aus ihnen herauslesen, wenn man das Deuten versteht.